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Rezension:Lou Andreas-Salomé und Rilke - eine amour fou (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

Was hat mich motiviert dieses Buch zu lesen? Nun, es war eine kleine ärgerliche Bemerkung, die ich irgendwann irgendwo las, wonach Rilke Lou Andreas Salomé "gehabt haben" sollte. Eine unschöne Formulierung wie ich finde, die zudem nicht der Wahrheit entspricht, denn Lou Andreas Salomé war eine Frau, die weder von Rilke noch sonst einem Mann in Besitz genommen werden konnte, noch nicht einmal für eine kurze Weile. Diese Frau war ein Freigeist.

Ihr Alter ego hieß übrigens "Helga von S.". Lou Andreas Salomé hat gegen diese von ihrer Freundin Frieda von Bülow geschaffene Figur in deren Schlüsselerzählung "Zwei Menschen" nichts einzuwenden, sondern unterschrieb sogar mit dem Namen "Helga" einen Eintrag in ein Gästebuch und bekannte sich insofern indirekt zu der Persönlichkeitsanalyse, wonach Lou eine Vampirnatur besessen hat, die anderen das Herzblut gierig aussaugte, um daraus Kraft zu überquellendem Frohsinn zu ziehen, (vgl.: S.85).

Frieda von Bülow lässt das Alter ego von Lous Andreas-Salomé sagen: "Einer gefällt mir, und ich bekomme einen riesigen Appetit auf ihn. Und dann gehe ich geradewegs auf ihn los und fasse ihn mit beiden Händen. Ich möchte dann mit ihm zusammen sein den ganzen Tag- jeden Tag! Jede Stunde ärgert mich, die ich ohne ihn verbringen muss. Sie ist nur mit Warten ausgefüllt...Nichts beschäftigt mich als dieser Mensch."
"Und dann?"
"Dann freß ich ihn auf"
"Das klingt ja ganz schauerlich!"
"Ich kann`s auch zarter ausdrücken: Ich nehme den ganzen Inhalt seines Wesens in mich auf!" (Zitat: S.85)

Ich zitiere diese Textstelle nicht grundlos, denn ich finde, dass sie das Verhaltensmuster dieser schönen und dabei hochintellektuellen Lou Andreas Salomé sehr gut beschreibt. Der Dichter Reiner Maria Rilke wusste um die Vieldimensionalität dieser von ihm geliebten Frau und begriff sehr schnell, dass darin der Grund für die zeitliche Begrenztheit ihrer Liebe liegen würde, (vgl.S.88).

Im Buch lernt man das Leben beider Personen kennen und auch wie ihre Wege zusammentreffen und sich letztlich wieder trennen, zumindest was die Liebesbeziehung anbelangt.

Lou war von Anfang an eine Frau, die von vielen Männern begehrt wurde. Friedrich Nietzsche war nicht der einzige, der von ihr einen Korb erhielt. Die nicht nur von Rilke geliebte Frau war übrigens Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus einer russisch-deutschen Familie, die ein selbstbestimmtes Leben lebte, 47 Jahre hindurch mit Carl Andreas Salomé verheiratet war, mit dem sie zeitlebens nicht beischlief.

Man vermutet allerdings, dass sie zahlreiche Liebschaften hatte, sicher auch mit Rilke, dem sie sich als Frau jahrelang verbunden fühlte, weil er  ihr das erstmals Wirkliche gewesen war, (vgl.: S.130).

Das Buch zeigt die innige, geradezu spirituelle Beziehung, die Lou und Rainer miteinander hatten. Rilke hätte niemals mit den Worten über Lou triumphiert "ich hatte sie gehabt", sondern schrieb stattdessen nachdem sie ihn im Jahre 1901 verließ:

"Warst mir die mütterlichste der Frauen
Ein Freund warst du wie Männer sind,
ein Weib so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet-
Und wurdest der Abgrund, der mich verschlang."
Siehe S.88

Rainer und Lou waren zwei Liebende, die sich nicht auf der Ebene begegneten. Darin liegt die Besonderheit dieser Beziehung. Lou Andreas-Salomé trennte sich von Rilke, blieb ihm aber ein Leben lang freundschaftlich verbunden.

Empfehlenswert.

Helga König

Überall im Buchhandel erhältlich.

Rezensionen:Schlüsselmomente: Erfahrungen eines engagierten Lebens (Gebundene Ausgabe)

Liz Mohn, die Autorin dieses aufschlussreichen autobiographischen Buches ist Mitglied des Aufsichtsrats der Bertelsmann AG, des Weiteren ist sie stellvertretende Vorsitzende des Vorstands und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung, Präsidentin der von ihr gegründeten Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, Vorsitzende des Vorstands der Liz Mohn Kultur-und Musikstiftung und des Kuratoriums des Verbands deutscher Musikschulen. Seitens des Club of Rome wurde Liz Mohn 1999 als erste Frau in dieses Gremium berufen.

Frau Mohn ist nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geborenen worden. Nach einer schwierigen Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit konnte sie nicht ihrer Intelligenz gemäß eine höhere Schule besuchen und studieren, sondern absolvierte eine Lehre als Zahnarzthelferin.

Umso beeindruckender liest sich die Auflistung der Ehrungen dieser großen Dame unseres Landes. Sie erhielt den Medienpreis Bambi, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, die Ehrenmitgliedschaft Cirucolo de Confianza, den Verdienstordnen des Landes Nordrhein-Westfalen, den Vernon A Walters Award, The UNESCO- Children in Need Award 2008, den Karl- Winnacker-Preis und den Weltwirtschaftspreis 2010.

Frau Mohn berichtet zunächst von ihrer Kindheit, die von Angst und Zuversicht zugleich geprägt worden ist. Sie schreibt von ihrer Lese- aber auch Abenteuerlust in jenen Tagen und berichtet von ihrer großen Fahrrad- und Tramptour durch die Republik in den Wochen bevor sie ihre Lehre begann. Damals schmerzte es sie, dass sie nicht die Freiheit leben konnte, die junge Studenten hatten, die ihr auf der Tour begegneten und suchte nach ihrer Ausbildung nach Aufstiegsmöglichkeiten, die sie sich beim Bertelsmann-Verlag erhoffte.

Der Zufall wollte es, dass der Chef des Unternehmens Reinhard Mohn sich bei einem Betriebsfest in das junge Mädchen verliebte, doch er konnte es erst viele Jahre später heiraten, weil in den 1950er Jahren an eine Scheidung von seiner damaligen Ehefrau nicht zu denken war. Liz Mohn brachte in den 1960er Jahren drei Kinder zur Welt, die sie in jeder Beziehung umsorgte und sie entwickelte sich damals zu dem Menschen, der sie heute ist. Lernen elektrisierte sie, ihr Wissensdurst war schwer zu stillen, schreibt sie und als ihr Mann 1977 die Berteslmann Stiftung" ins Leben rief, war sie schon bald dabei (vgl.S.28). Man erfährt natürlich, um welche Einrichtung es sich bei dieser Stiftung handelt und wie sich diese Stiftung weiterentwickelt hat.

Liz Mohn gestattet dem Leser Einblicke in ihre Verhaltensmuster, die ihren Umgang mit anderen Menschen prägen. Dabei staune ich wie sehr sie doch eine typische Zwillingsfrau ist.:-)) Sie weiß, dass der Glaube an die eigene Lernfähigkeit entscheidend dafür ist, um eigene Potenziale zu entfalten und ist von der Formbarkeit der eigenen Fähigkeiten überzeugt. Sie ist ein Mensch, der fragt, wenn sie nicht weiter weiß und ist fest davon überzeugt, dass der Wille, lebenslang zu lernen, zu den Schlüsselkompetenzen für die Zukunft gehört, (vgl.: S.30). Dabei bereitet es ihr viel Freude, Menschen für verbindende Ideen zu begeistern und in einzelnen Projekten zusammenzuführen, (vgl.: S.31).

Liz Mohn ist ein kommunikativer Mensch, mit großem diplomatischem Geschick. Nach ihrer Eheschließung mit Reinhard Mohn im November 1982 nahm sie schrittweise die offiziellen Termine für die Bertelsmann Stiftung wahr.

Sie berichtet von ihren Reisen, die sie mit vielen sehr bedeutenden Persönlichkeiten zusammenbrachten, von denen sie in Gesprächen immer wieder lernte. So schreibt sie auch von einem bedeutsamen Projekt und zwar dem "Deutsch-Jüdischen Dialog" und lässt nicht unerwähnt, dass die Bertelsmann Stiftung es war, die das Zentrum der Holocaust-Studien in Tel Aviv viele Jahre förderte und im Jahr 2000 den Deutsch-Israelischen Young-Leaders-Austausch initiierte, der sowohl den beiderseitigen Informationsfluss, wie auch das gegenseitige Kennenlernen, den Erfahrungsaustausch und die Vernetzung junger deutscher und israelischer Führungskräfte fördern sollte, (vgl.: S.39).

Es ist unmöglich im Rahmen einer Rezension über all die Begegnungen zu schreiben, über die Frau Mohn in ihrem Buch viel Interessantes zu berichten weiß. Bemerkenswert ist nicht nur ihre Begegnung mit Frau Gandhi und mit Michail Gorbatschow, dessen leidenschaftlicher Kampf für die Demokratisierung Russlands und das Zusammenwachsen Europas durch den Fall der Mauer sie tief beeindruckt hat, (vgl. S. 50).

Frau Mohn hat die Erfahrung gemacht, dass man die Kultur eines Landes nie allein bei offiziellen Besuchen kennenlernt, sondern immer auch durch die persönlichen Begegnungen mit Menschen, die mit ihren Eigenarten, Gesten und Haltungen uns mehr erzählen, als es Bücher können, (vgl. S.52).

Die Vorstandvorsitzende berichtet von unterschiedlichen Aktivitäten, auch Gesundheitsprojekten und der Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung und ich staune über das vielseitige Engagement dieser Frau, die davon überzeugt ist, dass eine internationale Verständigung nur im gegenseitigen Respekt vor den geschichtlichen, kulturellen und religiösen Wurzeln möglich ist, (vgl. S.84).

Liz Mohn thematisiert die Unternehmenskultur als Erfolgsgeschichte des Hauses Bertelsmann, schreibt u.a. von den "Bertelsmann Essentials", zu denen die Teilhabe an umfassender Information und eine Beteiligung der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gehören, (vgl.: S.93). Das Unternehmen möchte eine Heimat für Kreative und Künstler sein, das sich in jeder Beziehung für Weltoffenheit, Meinungsfreiheit und demokratischen Strukturen in dieser Welt einsetzt, (vgl.S.94).

Für sie ist klar, dass Führungskräfte in einem Unternehmen nicht nur wirtschaftliche Ziele im Auge haben dürfen, sondern stets auch sensibel sein müssen für menschliche Belange. Frau Mohn hebt hervor: "Wenn die Unternehmenskultur das gegenseitige Vertrauen fördert, setzt sie damit viel Einsatz und Kreativität frei. Wer das Gefühl hat, dass seine Arbeit nicht geschätzt wird, wer vielleicht Angst um seinen Arbeitsplatz hat, der verliert die Motivation, fühlt sich durch Angst blockiert und wird nie die Leistung erbringen, wie ein Mitarbeiter, der sich behütet fühlt und motiviert ist, sein Bestes zu geben", (Zitat: S.104).

Liz Mohn macht sich und ihren Lesern nichts vor, wenn sie konstatiert, dass Unternehmenskultur bei Bertelsmann eine harte Erfolgsgröße darstellt, (vgl. S.109).

In der Folge schreibt Frau Mohn von Studien der Bertelsmann Stiftung, über die es sich nicht nur lohnt nachzudenken, sondern auch entsprechende Konsequenzen zu ziehen, auch reflektiert sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, denkt über Frauen in Führungspositionen nach und über Migration und Integration als Herausforderung der Zukunft und um schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen, dass Glaube und Zuversicht und der Wille es zu schaffen die Voraussetzungen dafür sind, die Dinge des Lebens positiv voranzutreiben.

Ein Buch, das ich gerne empfehle, weil hier eine Frau schreibt, die mit Herz und Verstand tatkräftig im Leben steht und viel Positives bewegt.

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Rezension:Münchnerinnen, die lesen, sind gefährlich (Gebundene Ausgabe)

Claudia Treibler porträtiert in diesem kleinen Büchlein 16 Frauen, die sich im vergangenen Jahrhundert im München einen Namen gemacht haben. Dabei ordnet die Autorin ihre Texte folgenden Kopfzeilen unter:

Gestutzte Flügel

Zwischen Wirtshaus und Rebellion

Musen, Gefährtinnen, Kämpferinnen

Verehrung, Verfolgung, Widerstand

Wiederaufbau
Was die Frauen, die zwischen 1870 und den 1990er Jahren in München lebten und wirkten, vereint, ist die Tatsache, dass sie alle gerne und oft ihre Nasen in Bücher steckten.

Man lernt zunächst das München des späten 19. Jahrhunderts kennen. Dies war die Zeit, als aus der Kleinstadt München eine Metropole wurde. Mädchen konnten damals in München noch kein Abitur machen und demzufolge auch nicht studieren. Allerdings hatten Frauen, die Ehrgeiz und Geld besaßen, die Chance in die Schweiz zu gehen. Dort nämlich konnten Frauen Abitur machen und seit 1864 auch studieren, (vgl.: S.18).

Das Salonwesen war in München nicht so ausgeprägt, wie in Paris oder Berlin und zwar, weil die gesellschaftlichen Zirkel weniger durchlässig waren als in anderen Städten, (vgl.: S.19).

Der Leser lernt u.a. die Salondame Elsa Bernstein (1866-1949) kennen, zu deren Gästen Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal, Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Franz Stuck und August von Kaulbach zählten, (vgl.: S.31). Dass sie 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, war tragisch. Erwähnt werden muss, dass Frau Bernstein vielen Mithäftlingen Kraft gab, das Frauen zu überstehen, (vgl.: S.26).Diese Münchnerin zeichnete sich wie viele anderen Damen im Buch nicht nur durch Nachdenklichkeit, sondern auch durch eine große Empathiefähigkeit aus.

Sehr gut hat mir das Porträt von Dr. Anita Augpurg (1857-1943) gefallen. Die Frauenrechtlerin war die erste deutsche, promovierte Juristin, hatte in Zürich studiert und lebte mit einer Frau zusammen. Diese Münchnerin versuchte sich für die Gleichstellung der Frauen stark zu machen als 1900 das BGB in Kraft trat. Allerdings blieben die Frauen bis im Jahr 1976 noch benachteiligt, wenn es um die Gleichheit in der Ehe ging. Dass die Nazis Dr. Augspurg 1923 bereits auf die Liste der zu liquidierenden Personen setzten ist klar. Als Hitler 1933 an die Macht kam, befand sich die Juristin gerade im Ausland und ging nach Zürich ins Exil.

Das Schwabing in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts ist ein Thema. Dort war man auf der Suche nach einer neuen Moral, die sich, wie andere Reformbewegungen der Zeit auch, gegen Prüderie und Sexualfeindlichkeit wandte, (vgl.: S.48). Die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow (1871-1918), die mit vielen Intellektuellen ihrer Zeit befreundet war und versuchte, ein freies Leben zu führen, konnte wie kaum eine andere Frau in jener Zeit in Erfahrung bringen, welchen Tribut sie für ein solches Leben zu zahlen hatte. Reventlow war ihrer Zeit Lichtjahre voraus.

Sehr bemerkenswert auch ist das Porträt Katia Manns (1883-1980), die alle als die Gattin von Thomas Mann kennen. Doch wer weiß schon, dass diese Frau eine der ersten immatrikulierten Studentinnen Münchens war? Sie studierte übrigens Mathematik und Physik. Ihre Großmutter war Hedwig Dohm, eine Vorkämpferin der Frauenbewegung.

Es werden in der Folge eine Reihe sehr kluger und dabei tapferer Frauen vorgestellt u.a. die Friedensaktivistin Constanze Hallgarten (1881-1969), die vor den Nazis ebenfalls in die Schweiz floh.
Man liest von der Judenverfolgung in München, auch von dem, was Frauen in München während der Kriegszeit zu schultern hatten und von der Bombardierung, durch die 90% der Innenstadt zerstört wurde.

Des Weiteren begegnet man der Intellektuellen Erika Mann, die ein Kabarett, offiziell literarischer Natur, allerdings mit politischen Untertönen, in München gründete, lernt auch die jüdische Schriftstellerin Gerty Spies kennen, die den Satz prägte "Verzeihen- aber nicht vergessen. Das Herz reinhalten von Hass- und Rachegefühlen", um schließlich im letzten Kapitel über die lesenden Frauen der Aufbaujahre nach dem Krieg informiert zu werden. In jener Zeit galt noch die klassische Rollenaufteilung und doch gab es Frauen, die sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und ihrem beruflichen Engagement davon nicht beeindrucken ließen.

Empfehlenswert.
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Rezension:Wirtschaft braucht Anstand. Der Unternehmer Wolfgang Grupp (Gebundene Ausgabe)

Dr. Erik Lindner hat seiner Biographie über den schwäbischen Unternehmer Wolfgang Grupp nicht grundlos den Titel "Wirtschaft braucht Anstand" gegeben. Dieser Unternehmer, den viele aus Talk-Shows kennen, argumentiert strikt gegen die Globalisierung im Sinne der kompletten Produktionsverlegung ins Ausland zu Lasten deutscher Arbeitsplätze, die in zahlreichen Branchen leider zum Standard geworden sind, (vgl.:S.12). Wolfgang Grupps Firma "Trigema" ist seit 35 Jahren schuldenfrei. Der Unternehmer finanziert zu 100% alles selbst. Es gibt weder Leasing, noch Lieferantenkredite und keine Abhängigkeit von Geldgebern, (vgl.S.16).

Grupp zieht in Talkshows gegen die Verantwortungslosigkeit, den Größenwahn und die Selbstbedienungsmentalität in Vorstandetagen zu Felde und dokumentiert durch seine Art zu wirtschaften, dass es auch anders geht.

Grupp, der größte Hersteller von Sport- und Freizeitbekleidung, hat ein Geschäftsmodell, das im Buch gut erläutert wird. Dr. Lindner nimmt Stellung zu den Punkten:

1)Kontinuierliche Produktion
2)Kundenorientierte Schnelligkeit und innerbetriebliche Flexibilität
3)Nicht auf Umsatz nach Menge oder Stückzahlen, sondern ausschließlich auf Rendite ausgerichtet.
4)Schlanke Verwaltung
5)Unabhängigkeit
6) Sofortzahlung bei Bestellungen und Investitionen
7)Höchste Anforderungen an die Qualität der Produkte
8)Überschaubare Betriebsgröße und Mitarbeiterbindung
9)Verzicht auf externe Dienstleistung
10)Sicherung der Arbeitsplätze

Der Autor berichtet von den Anfängen der Firma, von Wolfgang Grupps Großvater Josef Mayer, der die Textilfirma einst gründete, von der sprunghaften Entwicklung nach dem ersten Jahrzehnt der Firmengründung, die sich keineswegs nur in der Zahl von 800 Beschäftigten niederschlug. Auch über Grupps Vater, einem Juristen, dessen geschäftliche Erfolge nicht immer herausragend waren, ist die Rede und auch von den Konflikten die der betriebswirtschaftlich begabte Sohn mit seinem Vater hatte. Wolfgang Grupp, der in Köln sein Examen mit Auszeichnung absolvierte, schaffte es als junger Diplomkaufmann die Schulden, die Firma hatte, in kurzer Zeit abzutragen.

Viele gute, neue Ideen setzte Wolfgang Grupp schon als junger Diplomkaufmann um. Darüber schreibt Dr. Lindner sehr spannend. Der Trigema-Chef richtete nach dem durch ihn forcierten Generationenwechsel die Geschäftspolitik wie folgt aus:

1) Überschaubare Unternehmensgröße
2) Kein Prestigedenken, sondern Arbeitsplatzsicherung
3) markt- und verbraucherorientierte Produktion
4) kein Umsatz,- sondern Renditedenken
5) Teamarbeit, Menschenwürde und Freiheit am Arbeitsplatz.

Der Jesuitenschüler und gläubige Christ schaffte es, die Unternehmenshierarchie abzubauen und stattdessen die Teamarbeit zu intensivieren. Grupp agiert seit Jahrzehnten in einem Großraumbüro, wo er nahezu alle Verwaltungsleute in Rufweite hat.

Man liest von seiner Familie, auch davon, dass seine Frau ihm geschäftlich zu Seite steht und von seinen Kindern, die sich auf ihren Vater verlassen können, allerdings nicht verhätschelt werden, sondern leistungsbezogen ihr Leben gestalten sollen und es offenbar auch gerne tun.
Immer wieder wird die Streitbarkeit dieses Mannes thematisiert, der davon überzeugt ist, dass nicht selten dann, wenn die verantwortlichen Führungskräfte in einem Unternehmen, nicht die Inhaber eines Geschäftes sind, die Verhältnisse in den Firmen dazu tendierten, problematisch zu werden. Grupp geht es um Verantwortung, die er bei allen Führungskräften einfordert.

Es führt zu weit, die Entwicklung seiner Firma an dieser Stelle ausgiebig darzulegen. Ich empfehle Interessierten sich diesbezüglich im Buch kundig zu machen. Hier kann man viel lernen.

Mich begeistert das Denken und Handeln Wolfgang Grupps, der in den Augen vieler als altbackener Patriarch gilt. Ich hingegen sehe in ihm einen überaus erfolgreichen, verantwortungsbewussten Unternehmer, auf den sich Mitarbeiter und gleichermaßen seine Kunden, aber auch seine Familie verlassen können. Wolfgang Grupp ist ein Alphamann wie aus dem Bilderbuch, mit glasklarem Verstand und wirtschaftsethisch lobenswerten Gedanken, die er in die Tat umsetzt. Unser Land bräuchte weitaus mehr solcher Menschen in Führungspositionen, dann würde sich vieles zum Positiven wenden.
Ein wirklich lesenswertes Buch.

Überall im Handel erhältlich.

Rezension: Hamburgerinnen, die lesen, sind gefährlich (Gebundene Ausgabe)

Thomas Bleitner hat mit diesem Buch engagierten, gebildeten Hamburgerinnen ein Denkmal gesetzt. Er porträtiert sechzehn zumeist in Hamburg geborene weibliche Persönlichkeiten, die sich als Musen und Salonièren, als Rebellinnen, Künstlerinnen der wilden Zwanzigerjahre und als "Grandes Dames" des Wiederaufbaus in dieser Stadt einen Namen machten.

Der Autor reiht bei all den Frauen kurz die biographischen Daten aneinander und porträtiert anschließend sehr einfühlsam das Wesen und Engagement dieser Hamburgerinnen.

Man erfährt zunächst von Lesegesellschaften und Salons seit 1750, die ein erfreuliche Folge des merkantilen Aufschwungs in dieser Stadt waren. Intellektuelle und Künstler machten damals Hamburg zu einem Zentrum der Aufklärung machten. Bleitner lässt nicht unerwähnt, dass Bücher zu jener Zeit noch sehr teuer waren und 1796 seitens des Verlegers Friedrich Perthes die erste reine Sortimentsbuchhandlung gegründet wurde und zwar in Hamburg. Lesegesellschaften und Salons, so liest man weiter, waren beliebte Veranstaltungen, keineswegs bloß zum Austausch von Ideen und Meinungen, sondern auch zur Verbreitung von Büchern. Bleitner stellt in diesem Zusammenhang Meta Klopstock, Eva König die spätere Ehefrau von Lessing, Amalia Schoppe und Elise Reimarus vor, die seitens der kurländischen Dichterin Sophie Schwarz als Frau mit scharfdenkendem Verstand und einem Herzen von gutmütiger Weiblichkeit beschrieben wurde, die sich offenbar sehr gut mit Kindern umgehen konnte, (vgl. :S 33).

Der Autor berichtet auch von dem Großen Brand in Hamburg, der im Jahre 1842 dazu führte, dass in vier Tagen 20 000 Menschen in dieser Stadt obdachlos wurden. Durch die Frühindustrialisierung in jenen Tagen, die für nur wenige Wohlstand und für die meisten Elend zur Folge hatte, stellte sich die soziale Frage, die aber nicht allein das Armenwesen betraf. In dieser Zeit entstand die Frauenbewegung in Hamburg. Frauen kämpften u.a. um die Gleichstellung ohne Kompromisse, auch was den Zugang zu den Universitäten anbelangte. Im Übrigen waren die meisten Frauen Pazifistinnen. Unter den porträtierten rebellischen Frauen ist auch Lida Gustava Heymann, die Lebensgefährtin von Anita Augspurg, die das erste deutsche Frauenzentrum gründete und mit Augspurg gemeinsam den "Verein für Frauenstimmrecht".

Frauen haben in der Hamburger Kulturszene der wilden Zwanziger Jahre eine tragende Rolle gespielt. Diesbezüglich wird man von Bleitner auch sehr gut informiert und liest diesbezüglich auch von der in München geborenen Erika Mann, die mit ihrem Gatten Gustav Gründgens in Harvestehude lebte und in Hamburg durch ihre Rolle am Theater für Aufruhr bei der Presse sorgte. Ihre rasch endende Beziehung zu dem beruflich wie privat sehr pedantischen Gründgens wird dabei sehr aufschlussreich skizziert.

Bei den Gründerinnen in der Wiederaufbauzeit wurde Marion Dönhoff nicht vergessen, die 1946 in die Redaktion der "Zeit" eintrat. Wie der Autor hervorhebt, wurde diese großartige Frau nicht selten angefeindet. Als sie 2002 starb sagte der damalige Hamburger Bürgermeister allerdings in seiner Laudatio: "Sie hat unser Land, sie hat diesen Kontinent mitgestaltet. Und sie hat Hamburg aufs Beste repräsentiert", (Zitat: S. 145).

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Hamburgerinnen.

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Rezension: Reise um die Welt- Louis-Antoine de Bougainville

Der Anwalt Louis-Antoine Bougainville (1729-1811) unternahm 1766-69 die erste französische Weltumseglung. Über diese abenteuerliche Unternehmung berichtet er in vorliegendem Buch überaus packend.

1768 erreichte er Tahiti und entdeckte im Mai des gleichen Jahres zwei Inseln der Neuen Hebriden. Auf Bougainville geht der erste Lobpreis der beinahe paradiesisch anmutenden Lebenswelt Tahitis zurück, die etwa hundert Jahre danach dem französischen Impressionisten Gauguin zu Weltruhm verhelfen sollte.

Im Vorwort erfährt man Wissenswertes zum Leben Bougainvilles, auch dass er am Siebenjährigen Krieg teilgenommen hat. In der Beschreibung seiner Reise kommen neben den soeben genannten Inseln u.a. die Salomoninseln zur Sprache, wo er Choiseul und das nach ihm benannte Bougainville fand. Bevor er am 16.3.1769 im sicheren Heimathafen St. Malo ankam, war er noch auf den Molukkischen Inseln und in Batavia.

Das Buch ist in zwei Hauptteile untergliedert:

1) Von der Abreise aus Frankreich bis zur Passage der Magellan-Straße
2) Die Reise von der Einfahrt in den Pazifik bis zur Rückkehr nach Frankreich

Bougainvilles Reisebeschreibung enthält eine Fülle von Informationen unterschiedlichster Art. So liest man beispielsweise von der Vertreibung Jesuiten aus La Plata, vom Aufenthalt auf der Insel Tahiti, von der geographischen Lage, den Produkten des Landes, über den Insulaner, der nach Frankreich gebracht wurde und weshalb es geschah, auch über die Ungleichheit der Stände auf Tahiti, über die Trauerrituale, die Bestattungsriten u.a.m.. Interessant auch ist die Beschreibung der Schwierigkeiten, während der Fahrt zwischen den Molukkischen Inseln und die Skizzierung des Zeremoniells bei Ankunft in Batavia.

Wer gerne real aber auch gedanklich auf Reisen geht und wissen möchte wie beschwerlich und voller Abenteuer Weltreisen in früheren Zeiten waren, wird das Buch Bougainvilles in zwei Nächten durchgelesen haben.

Empfehlenswert.

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Rezension:Vasco da Gama: Die Suche nach den Gewürzinseln (Gebundene Ausgabe)

Der Autor Ulli Kulke porträtiert in diesem reich bebilderten Buch den Seefahrer Vasco da Gama (1469-1519). Er war es, der von König Emanuel I. beauftragt wurde, den Seeweg nach Indien um das Kap der guten Hoffnung zu finden, um auf diese Weise den direkten Kontakt zu den Gewürzinseln herzustellen.

Zunächst kann man sich einen Überblick verschaffen, wie groß in den Jahrhunderten vor Vasco da Gama die Bedeutung orientalischer Gewürze war. Pfeffer, Zimt, Nelken und Muskat zählten in der Antike zu den begehrten Dingen des schönen Lebens. In der Antike wusste allerdings kaum einer, woher diese Luxusgüter stammten. Die Ware ging durch die Hände von Dutzenden von Zwischenhändlern, sodass am Ende nicht mehr nachvollziehbar war, woher die Gewürze nun tatsächlich kamen. Schauergeschichten wurden in Umlauf gebracht, um potentielle neue Konkurrenten abzuschrecken, sich auf den Weg zu dem Quell des Wohlstandes zu machen.

Ich will an dieser Stelle nicht alle im Buch erwähnten Namen aufzuzählen, doch Heinrich den Seefahrer muss ich nennen, weil dieser portugiesische Königssohn es war, der die Vormachtstellung seines Landes zu Anfang des Entdeckungszeitalters begründete, obschon er selbst niemals auf große Fahrt ging.

Im Buch wird überaus detailliert von Vasco da Gamas Reisen berichtet und sehr gut dargelegt, dass dieser Mann es war, der die Grundlagen für die Kolonial- und Handelsmacht Portugals in Vorderindien legte. Neben der gelungenen Porträtierung Vasco da Gamas und seines abenteuerlichen Lebens, hat man u.a. Gelegenheit, sich im Rahmen von Sonderbeiträgen mit der Plage der Seefahrer jener Tage, - dem Skorbut - , des Weiteren mit den begehrten Gewürzen, neuen Schiffen für die Weltenfahrt und dem Vertrag von Tordesillas zu befassen.

Nach der Lektüre des Buches sieht man die Muskatnuss und den Pfeffer mit anderen Augen. Sie waren und sind nicht nur einfach Gewürze, um Speisen zu aromatisieren, sie waren einst die Verlockung für Reisen ins Ungewisse, Reisen, die nicht für jeden glücklich endeten, wie dieses Buch auch deutlich macht.

Sehr spannend zu lesen, empfehlenswert.

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Rezension:Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl (Gebundene Ausgabe)

Der Journalist Dr. Heribert Schwan zeigt in seinem Buch "Die Frau an seiner Seite" die Vita von Hannelore Kohl auf. Das Leben dieser unzweifelhaft großen Persönlichkeit hat eine Bandbreite durchschritten, die äußerst selten vorkommt.

Geboren in großbürgerlichen Verhältnissen als Tochter eines dem NS-Regime dienenden Rüstungsmanagers erlebte Sie Ihre Kindheit in Leipzig. Von ihrem geliebten Vater wurde sie durch die kindlichen Jahre mit jeglichem Überfluss bedacht. Ihre Mutter, eine ebenfalls aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Person, sorgte dafür, dass Hannelore Kohl die beste Erziehung und Ausbildung bekam, die in den Jahren des NS-Regimes möglich war. Allein die emotionale Fürsorge ließ bei ihrer Mutter zu wünschen übrig.

Mit den Angriffen der Alliierten auf Deutschland, speziell der Luftangriffe auf Leipzig, bis dahin die geliebte Heimatstadt der späteren Politikerehefrau, nahm das Leben der jungen Hannelore eine jähe Wendung. Gemeinsam mit ihrer Mutter, der Vater war in der Waffenherstellung für die deutsche Kriegsmaschinerie rund um die Uhr eingebunden, verließen sie Leipzig nach der erschütternden Erfahrung eines Bombenangriffes und versuchten zunächst in dem mittelsächsischen Städtchen Döbeln sich in Sicherheit zu bringen.

Bevor am 6. Mai 1945 die Rote Armee in das Gebiet um Döbeln einzog, die Amerikaner hatten dieses ursprünglich von ihnen besetzte Land gegen einen Sektor in Berlin getauscht, flohen Mutter und Tochter vor der russischen Besatzungsarmee. Ihr Ziel war das kleine Städtchen Taucha. Auf diesem äußerst gefährlichen und kräftezehrenden Weg ist Hannelore Kohl wohl von Russen vergewaltigt worden. Genaueres hat sie öffentlich nie preisgegeben.

Die nächste Station ihres Lebens begann nach dem Rückzug ihrer Familie in Mutterstadt in der Pfalz bei der väterlichen Verwandtschaft. Hier nun war die Voraussetzung gegeben, dass sich die Lebenskoordinaten von Helmut Kohl und seiner späteren Frau Hannelore treffen konnten.

Ausgangspunkt war eine Schülertanzveranstaltung, organisiert von Helmut Kohls Schulklasse. Das gemeinsame Schicksal dieser beiden Personen, die später einmal im Rampenlicht der deutschen Geschichte stehen sollte, nahm seinen Lauf....

Hannelore Kohl hat, um ihrem Mann an die Ziele seines politischen Werdens zu verhelfen, sich selbst stets zurückgenommen. Ob sie überhaupt eine Chance gehabt hätte gegen die alles einnehmende Dominanz des späteren Bundeskanzlers zu bestehen, ist fraglich. Fakt ist, dass sie ihrem Gatten Helmut Kohl mit eiserner Disziplin und großer Energie zur Seite stand. Wie weit ihr das seitens ihres Mannes gedankt wurde, ist selbst in unterschiedlichen Biographien nicht genau ersichtlich. Tatsächlich zog sich Hannelore Kohl nach vielen Jahren politischer Öffentlichkeit in ihr Zuhause nach Oggersheim zurück.

Nicht unerwähnt darf ihre Anstrengung für ihre Stiftung das Kuratorium ZNS bleiben. Hier fand sie ihre eigentliche Aufgabe, in die sie ihre ganze Persönlichkeit legte. Die Hilfe, die sie damit für durch Unfall gehirngeschädigte Menschen leistete, gab ihr immer wieder neue Kraft, auch zu einem Zeitpunkt als sie nach offensichtlichen medizinischen Fehlbehandlungen das Tageslicht meiden musste und ihr Leben sich in ihrem Haus in Oggersheim in abgedunkelten Räumen abspielte.

Offenbar fühlte sie sich zu diesem Zeitpunkt von ihrem Ehemann verlassen. Wie weit die spätere sehr junge Ehefrau des Altkanzlers Dr. Meike Richter dabei eine Rolle gespielt hat, ist umstritten. Jedenfalls hat Hannelore Kohl den Freitod gewählt, nicht zuletzt scheinbar auch deshalb, weil die Spendenaffäre ihres Mannes sie zutiefst mitgenommen hat.

Nach allen Aussagen von Personen, die dieser großartigen Frau nahegestanden haben, ist Hannelore Kohl ein warmherziger, intelligenter und nachdenklicher Mensch gewesen. Obwohl Einzelkind und vom Vater verhätschelt, hat sie sich stets zurückgenommen und primär sich für andere eingesetzt.

Abschließend möchte ich darauf verweisen, dass die Biographie von Dr. Heribert Schwan wirklich lesenswert ist, da sie nicht nur die Persönlichkeit der Hannelore Kohl aufzeigt, sondern auch viel Erhellendes über den "Bundeskanzler der Deutschen Einheit" aufzeigt. Dass es nach der Veröffentlichung dieses Buches zu durchaus kontroversen Diskussionen über den Inhalt gekommen ist, zeigt nicht zuletzt das Auftreten des älteren Kohl-Sohnes Walter, der in der Talk-Show bei Markus Lanz im ZDF inhaltliche Mängel und Entgleisungen des Autors gegenüber dem Vertrauen seiner Mutter angeprangert hat. Nichts desto trotz halte ich das Buch für unbedingt lesenswert, auch wenn nicht alle Aussagen bis ins Detail für einen Außenstehenden geklärt werden können.

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Rezension:Die 50 wichtigsten Frauen der deutschen Geschichte (Gebundene Ausgabe)

Alexander Emmerich hat mit seinem Titel eine Steilvorlage für die Kritiker der Nation geliefert, indem er die im Buch sehr gut porträtierten fünfzig Damen als die "wichtigsten Frauen der deutschen Geschichte" bezeichnet. Wer ist wichtig? Wer wichtiger? Wer am wichtigsten? Wann ist jemand wichtig? Dann, wenn er intensiv durch sein Tun einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leistet oder dann, wenn er Zweckdienliches für eine kleine elitäre Gruppe unternimmt?

Weshalb prangt, wenig sympathisch, Liselotte von der Pfalz auf dem Cover ganz vorne und streckt uns Lesern ihr Doppelkinn, das nicht gerade von großer Disziplin zeugt, entgegen, während Sophie Scholl, eine der tapfersten Frauen des letzten Jahrhunderts, versteckt im Hintergrund, erst auf den zweiten Blick zu sehen ist? Soll durch diese Darstellung die Realität in den Zeitläuften visualisiert werden? Soll klar erkennbar werden, dass das Zerstörerische stets den Platz in der Loge eines Theaters hat? Fast scheint es so.

Emmerich stellt jedem der gut ausgeloteten Porträt immer eine Frage voran, deren Beantwortung sich dann aus der jeweiligen Kurzbiographie ergibt. Gefragt wird beispielweise:

"Welche Frau kämpfte in der badischen Revolution von 1849?"

"Wann promovierte die erste deutsche Ärztin?"

"Welche Frau verweigerte Kaiser Wilhelm II. eine Goldmedaille als Auszeichnung für ihre Kunst?"

"Wer fehlte bei der Nobelpreisverleihung an Otto Hahn?"

"Welche Frau nahm sich aus Protest gegen die Machenschaften ihres Mannes das Leben?"

Stets sind Bilder von den Frauen in die Kurzbiographien eingebunden, die nicht selten sehr aussagekräftig sind, was den Charakter der einzelnen Personen anbelangt.

Mich beeindrucken die widerständigen Frauen am meisten, Frauen, wie die Schriftstellerin Anita Augspurg. Die promovierte Juristin war u.a. Herausgeberin der "Zeitschrift für Frauenstimmrecht" und auch für das Magazin "Die Frau im Staat", das feministische, radikaldemokratische und pazifistische Positionen vertrat, (vgl. S.24), wie Dorothea von Erxleben, die unter schwersten Bedingungen als erste deutsche Frau zu Zeiten Friedrich II. von Preußin Medizin studierte oder auch wie Clara Immerwahr. Sie war die erste Frau, die 1900 an der Uni Breslau promovierte und zählte damit zu den ersten deutschen Frauen, die einen Doktortitel trugen. Verheiratet war sie mit dem Nobelpreisträger Fritz Haber, der im ersten Weltkrieg an der Entwicklung chemischer Massenvernichtungswaffen arbeitete, die erstmals im Frühling 1915 von Deutschen bei Ypern eingesetzt wurden und 18000 Franzosen das Leben kosteten. Sie versuchte immer wieder, ihren Mann dahingehend zu beeinflussen, sich an der Entwicklung solcher Waffen nicht mehr zu beteiligen. Er war uneinsichtig, was sie dazu veranlasste, sich aus Protest das Leben zu nehmen, (vgl.:S. 73). Mahnerinnen wie Clara Immerwahr sind wichtig, damit die Menschheit aus ihrem egoistischen Wahn aufgerüttelt wird, der stets dazu führt, dass viel Leid und Unheil geschieht.

Die einzelnen Porträts sind sehr ausgewogen verfasst, auch das Porträt von Liselotte von der Pfalz, durch deren Eheschließung mit Philipp von Orléans, dem jüngeren Bruder Ludwig XVI., die Basis dafür geschaffen wurde, dass die Pfalz mit ihren zentralen Städten Heidelberg und Mannheim seitens der Franzosen niedergebrannt wurde. Lieselotte muss man zugutehalten, dass sie die Verschwendungssucht am Französischen Hofe, wo sie lebte, ablehnte und auf ihren Wunsch ohne Pomp im Alter von 70 Jahren beigesetzt wurde. Als Mitglied einer kleinen elitären Gesellschaftsschicht hat sie allerdings den Menschen mehr geschadet als genutzt, wie man am Heidelberger Schloss noch heute deutlich ablesen kann.

Wer ist wichtig? Sophie Scholl war es. Aber war auch Ulrike Meinhof wichtig, deren Porträt man den Seiten 90-91 entnehmen kann?

Ein empfehlenswertes Buch, das dazu beiträgt, sich mit den porträtieren Frauen - frei von Vorurteilen- näher auseinander zu setzen.

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Rezension: Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde (Gebundene Ausgabe)

Die Journalistin Annette Kerckhoff porträtiert in diesem Buch insgesamt 48 Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen, Ordensfrauen und Krankenschwestern, Hebammen, Apothekerinnen und Heilerinnen, sowie Pionierinnen aus unterschiedlichen Ländern, die aufgrund ihrer Beharrlichkeit, Kreativität, Eigeninitiative und ihres Durchhaltevermögens zu Vorbildern all der Frauen wurden, die sich durch Widerstände von ihren Zielen nicht abhalten lassen möchten.

Das Vorwort zum Buch hat Dr. Marianne Koch verfasst und die sechs Seiten umfassende Einleitung stammt von Annette Kerckhoff. Hier erfährt man, dass im alten Ägypten auch Frauen als Priesterärztinnen tätig waren und in Europa seit etwa 300 v. Chr. Frauen ihre Geschlechtsgenossinnen und Kinder behandeln durften. In Europa auch entwickelten sich im 1. Jahrtausend Klöster, die zu wichtigen Zentren der Heilkunde wurden, in denen man die Werke von Hippokrates und Galen kopierte und übersetzte.

Man liest im 3. Kapitel des Buches Näheres zu Ordensfrauen, wie Hildegard von Bingen (1098-1179), für die Körper, Geist und Seele untrennbar miteinander verbunden waren und sich gegenseitig beeinflussten. Für die Äbtissin bedeutete Gesundheit auch, die eigene innere Haltung zu läutern, d.h. gegen Charakterschwächen anzugehen. Ihr war klar, dass Depression und Dummheit, Jähzorn, Missgunst und Unzufriedenheit den Geist verdürben, auf die Organe abträglich wirkten und schädlich für die Gesundheit seien. Voraussetzung dafür gesund zu bleiben, sei das Bemühen ein besserer Mensch zu werden, (vgl.: S. 71). Interessant auch ist, dass Hildegard schrieb, dass ein maßloser Lebensstil die meisten Krankheiten verursacht. Wie recht sie doch hatte. Man erfährt in diesem Porträt sehr viel über das Denken dieser Ordensfrau, für die die Seele der Dreh- und Angelpunkt war, den man bei jeder Krankheit, jeder Heilung nicht außer Acht lassen dürfe, (vgl.: S.72).

Man lernt im Buch gleich zu Beginn die erste promovierte Ärztin Deutschland kennen. Es handelt sich hierbei um Dorothea Erxleben (1715-1762), die es unter schwierigsten Bedingungen schaffte, ihren Weg zu machen. Friedrich der Große eröffnete ihr nach Bittgesuchen den Weg. Erst im darauf folgenden Jahrhundert dann durfte die erste Frau in der westlichen Welt offiziell Medizin studieren. Elisabeth Blackwell (1821-1910) wollte Frauenärztin werden, nachdem eine Freundin ihrer Familie starb. Es war ein langer Weg bis sie ihre erste kleine Ambulanz in einem ärmeren Viertel von New York eröffnen konnte. Liest man die Porträts anderer Ärztinnen in der Folge, stellt man fest, dass Frauen, die studieren wollten und es dann auch tatsächlich taten, mit großem Misstrauen begegnet wurde.
Es hat mich gefreut, dass man die Schwedin Elsa Brandström erwähnt, die im 1. Weltkrieg aufgrund von ihr in Schweden aufgebauten Hilfsorganisationen die medizinische Versorgung der Kriegsgefangenen speziell in Sibirien damals erheblich verbesserte und auch gefreut, dass man Wissenswertes über Rahel Hirsch (1870-1953), der ersten Professorin Deutschlands für Medizin und auch über das Leben und Werk von insgesamt fünf Nobelpreisträgerinnen für Medizin erfährt.

Das Porträt Katharina Kepplers (1546-1622) hat mich zutiefst berührt. Die Mutter des berühmten Astronomen war eine Heilerin, deren Ruf systematisch demontiert wurde. Die Verleumdungsklage ihrer Kinder scheiterte. Sie sollte als Hexe verbrannt werden. Ihr Sohn legte eine hundertseitige Verteidigungsschrift vor und schaffte es seine Mutter vor der Folter und dem Scheiterhaufen zu bewahren, obschon man ihr die Folterinstrumente bereits vorgelegt hatte, um sie zu einem Geständnis zu bewegen.
Anna Freuds Leben und Werk wird übrigens auch vorgestellt. Sie beschäftigte sich ihr Leben lang mit der Entwicklung von Kindern. 1974 resümiert sie: "Die Anwendung des psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung ist eine mehr oder weniger anerkannte Tatsache geworden und hat in vielfacher Verkleidung ihren Eingang in die Lehrpläne der Kindergärtnerinnen und Sozialarbeiter gefunden", (Zitat. S.135).

All die Frauen, die man im Buch kennenlernt, waren beseelt davon, ihren Mitmenschen zu helfen. Die Kräuterfrau Hester Jonas (1573-1635) wurde verleumdet, gefoltert und verbrannt. Sie ist ein Beispiel dafür, was mit Kräuterfrauen in der frühen Neuzeit geschah.

Die Psychiaterin Alice Ricciardi- von Platen musste in Österreich hilflos zusehen, wie ihre Patienten im Rahmen des Euthanasie-Programms von den Nazis getötet wurden und verfasste 1948 darüber einen Bericht "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland", der erst in dem 1990er Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Margarete Mitscherlich, über die man im Buch auch Wissenwertes erfährt und die viele Leser, aufgrund des 1967 erschienen Buches "Die Unfähigkeit zu trauern", das sie gemeinsam mit ihrem Gatten verfasste, kennen, hat u.a. auch das Buch mit dem Titel "Über die Mühsal der Emanzipation" geschrieben. Der Titel des Buches von Mitscherlich könnte im Grunde das Leitmotto für all die 48 Frauen- Porträts sein und es wäre alles andere als an den Haaren herbeigezogen.

Ein interessantes Buch, das ich gerne gelesen habe.

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