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Rezension: Schauen Sie mal böse- Mario Adorf- Kiepenheuer & Witsch

Der Schauspieler Mario Adorf zählt zu jenen Menschen, die erst im fortgeschrittenen Alter optisch wirklich ausdrucksstark erscheinen und dann eine solch große Anziehungskraft an den Tag legen, wie sie in jungen Jahren noch nicht zu erahnen war.  Wie ist das möglich?

Das Leben prägt die Menschen optisch bekanntermaßen auf unterschiedliche Weise. Bewirken kann es Strahlkraft oder auch Leblosigkeit. Es ist die Seele, die das Äußere im Laufe der Jahre umformt und auf diese Weise auf das Denken und Handeln des Einzelnen reagiert.

In dem Buch "Schauen sie mal böse" erzählt der Schauspieler Mario Adorf Geschichten aus seinem Schauspielerleben. Adorf wird am 8.9.1930 85 Jahre alt, wurde in Zürich geboren und wuchs in der Eifel auf. Seit 1992 hat er nicht wenige Bücher veröffentlicht. Dies ist allerdings das erste, das ich rezensiere.

Mario Adorf trat im Laufe der letzten 60 Jahre in unzähligen Bühnenrollen und deutschen sowie internationalen Filmproduktionen auf. Ich selbst sah ihn auf der Bühne nur einmal und zwar bei den Nibelungenfestspielen in Worms im Jahre 2002. Damals mimte er auf beeindruckende Weise den alten Recken Hagen. Überzeugt hat er im jungen deutschen Film in der "Blechtrommel" und in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum", aber auch im Fernsehvierteiler "Der große Bellheim".

Die Miniaturen zu seinem Leben im vorliegenden Buch beginnen in seiner Kindheit, fangen an mit ersten Erinnerungen, streifen die Nazizeit und erzählen dann von den Jahren als er Student war und wie es damals dazu kam, dass er Schauspieler aber auch Boxer wurde.

An seinem Beispiel wird  klar, dass großer Erfolg im Leben oftmals nicht geplant und manches, was man tut, einfach den Umständen geschuldet ist, so etwa das Boxen bei Adorf.  Dieser Autor ist kein Storyteller, sondern ein Mensch mit viel Bodenhaftung, der ungeschönt aus seinem Leben erzählt.

Mario Adorf ist ein Mann, dem Tränen vor anderen suspekt sind. Darüber schreibt er in der Miniatur "Das Weinen": "Man zeigt doch seine Tränen nicht, man wendet sich instinktiv ab, wenn man in Gesellschaft von der Rührung übermannt wird". Für ihn als Schauspieler gilt: "Tränen schnell trocknen und möglichst nicht direkt ins Publikum oder in die Kamera weinen."  

Mario Adorf, der Sohn eines italienischen Chirurgen und einer aus der Eifel stammenden Röntgenassistentin hat an Universität Mainz Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literatur, Musikgeschichte und Theaterwissenschaften studiert und viele Jahre benötigt, um der zu werden als den ihn sein Publikum kennt. 

Das Buch enthält neben den Erinnerungen aus seinem Schauspielerleben auch Zeichnungen von ihm, die dokumentieren, dass er  feinsinnige Ironie besitzt und sich auch selbst in Frage stellen kann.

Nachdem man die Geschichten gelesen hat, weiß man ein wenig mehr über die Hintergründe, weshalb Mario Adorf mit zunehmendem Alter an optischer Ausdruckskraft viel gewonnen hat. Er zählt nämlich zu den Menschen, die sich ihr ganzes Leben weiterentwickelt haben, weil er seinen Gaben gemäß lebt und dabei offen auch auf seine Schattenseiten schaut, die ihn in schwierigen Anfangsjahren haben überleben lassen. 

Empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Kiepenheuer und Witsch und können das Buch bestellen.http://www.kiwi-verlag.de/buch/schauen-sie-mal-boese/978-3-462-31512-7/. Sie können das Buch aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Der leidenschaftliche Zeitgenosse- Zum Werk #Roger_Willemsen- S. Fischer-Verlage

Herausgeberin dieses Werkes ist die Publizistin, Literaturkritikerin und Moderatorin #Insa_Wilke, die 2014 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde. 

Das Buch erschien am 13.8.2015, also vor zwei Tagen,  gerade rechtzeitig zum 60. Geburtstag des "leidenschaftlichen Zeitgenossen" Roger Willemsen. 

Roger Willemsen kennen viele und dies hat diverse Gründe, die Ines Geipel in ihrem Beitrag auf Seite 249 zusammenfasst: 

"Er schreibt Bücher, die beinah alle zu Bestsellern werden. Er tritt mit Programmen im ganzen Land auf, und die Säle sind rappelvoll. Er produziert Filme, fördert Literaturfestivals, ruft Radiosendungen ins Leben, tritt als Rate-Gast auf, moderiert die Echo-Klassik-Gala, schreibt Kolumnen, hält reden und Vorträge, macht Hörbücher und Musik-CDs. Die ideen-erotische Liste ist schier endlos. Vor allem aber weiß Roger Willemsen Themen zu setzen. Sein Credo: "Das Ich hat sich als Forderung zu verhalten." Oder auch: Das Ich ist vieles, aber wenigstens ist es vehement, engagiert, unterhaltend hochkarätig. Es ist überaus erfolgreich und nicht minder populär. Es hat ein hochprofessioneller Signalist seiner Zeit zu sein und natürlich ist es politisch. So ist er für Amnesty International, Terre de Femmes; CARE International und die UN-Flüchtlingshilfe tätig. Er ist Schirmherr des Afrikanischen Frauenvereins, unterstützt die Aktion "Deine Stimme gegen Armut", ist Pate des Kinderhospizes Bethel für sterbende Kinder und Mitglied von Attac. Es ist kein Engagement, das auf dem Papier steht. Wenn er Hilfe sagt, meint er sie konkret." (S.249). 

#Ines_Geipel ist eine der rund 30 Autorinnen und Autoren, deren Beiträge neben teilweise unveröffentlichten Selbstzeugnissen das lange Gespräch zwischen Roger Willemsen und Insa Wilke immer wieder unterbrechen und einen Gesamteindruck zum Werk sowie zur Person Roger Willemsen vermitteln. 

Die Liste der Autorinnen und Autoren ist beeindruckend, zu ihnen zählen auch die Politiker Gerhart Baum, Peter Gauweiler, Gregor Gysi, der Filmemacher Alexander Kluge, der Journalist Manfred Bissinger, der Lektor Jürgen Hosemann und andere mehr. 

Um sich einen schnellen Überblick über das Leben von Roger Willemsen zu verschaffen, hat man die Möglichkeit,  Eckdaten seiner Vita auf den letzten Seiten des Werks  zu studieren. Im Anschluss daran,  kann man sich in die umfangreiche Bibliographie seines Schaffens vertiefen, auch Fotos und visuelle Selbstzeugnisse von ihm sind zu bestaunen, um dann mit der Lektüre des Buches zu beginnen und hier sofort einen Eindruck zu gewinnen, das der Protagonist schon immer mit Sprache spielte. Das dokumentiert speziell auch eine beinahe poetische Aussage, die er im  zarten Alter von drei Jahren von sich gab:  "Kriegen wir den Schlitten, wenn es mittagt". 

Roger Willemsen erweist sich als ein besonders offener Gesprächspartner und man erfährt zunächst viel über seine Kindheit, jener Zeit als er noch davon träumte,  Förster zu werden. Seine Abiturrede ist abgedruckt und man liest sich durch sein bisheriges Leben, hält immer wieder inne, sei es um frühe Zeichnungen und Collagen von ihm zu bewundern oder ein wenig über eine seiner Antworten nachzudenken, so auch jene, weshalb er nicht lange an der Uni in München blieb. 

Er begründet: "Ich schaute eines Tages an einer Fassade hoch und merkte, dass ich diese Karyatide noch nie bemerkt hatte. Man lebt falsch, wenn man drei Jahre eine Straße entlanggeht und nie hochgeschaut hat.“ (S.73) 

Spontan denke ich an Goethe und dessen "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“ und meine eine Wahlverwandtschaft zu erkennen, die sich darin ausdrückt, dass beide eine erstaunliche Symbiose mit ihrem Werk eingegangen sind. 

Ich fange erst gar nicht an, eine gewisse Anzahl von Einzelbeiträgen im Buch zu skizzieren und möchte auch keineswegs das lange Gespräch zwischen ihm und Insa Wilke analysieren und bewerten. Vielmehr möchte ich über Roger Willemsens Antworten nachdenken, beispielsweise auf die Frage "Ihr Publikum erlebt sie als extrovertiert. Inwieweit brauchen Sie Einsamkeit zum Schreiben?, um auf diese Weise die Bücher, die ich von ihm kenne,  neu zu erfassen. 

Ich studiere die Handschrift des umtriebigen Autors und finde die hohe Konzentration, die sich in seiner Schrift zeigt, sehr interessant. 

Immer wieder habe ich Antworten von ihm mit dem Textmarker unterstrichen,  auch jene auf die Frage "Sie ziehen Musil immer noch Thomas Mann vor?"  Hier schreibt Willemsen: 

"Weil bei Thomas Mann die Vormacht des geglückten Satzes, des Sprechens für das Sprechen manchmal einen Selbstzweck bekommt, hinter dem die bürgerliche Erscheinung so sehr durchklingt, dass mir Musil als der radikalere Denker, schlankere Formulierer und auch ambitioniertere Nicht-Großschriftsteller sympathischer war.“ 

Schade, dass Marcel Reich-Ranicki nicht mehr lebt. Gerne hätte ich gewusst, was er bei der Buchbesprechung zu dieser Antwort gesagt hätte. 

Natürlich ist es spannend,  mehr über Willemsens Werke zu erfahren und hier auch wie dieser Autor den Begriff Kritik für sich interpretiert... 

Ich breche hier ab, denn es führt zu weit, noch mehr über den umfangreichen Inhalt des Buches auszuplaudern. 

Roger Willemsen wird heute 60 Jahre alt, wirkt optisch weitaus jünger, gleichwohl hinterlässt er den Eindruck (und zwar keineswegs erst dann, wenn man die Auflistung seiner Publikationen liest), dass er bereits 120 Jahre alt ist. Wie kann das sein? 

Er denkt, spricht und schreibt einfach schneller als andere,  offenbar weil er weiß "Wenn man heutzutage nicht flink ist, entgeht einem alles." (Zitat: John Galsworthy). 

Roger Willemsen ist sehr flink, speziell wenn er denkt und deshalb auch können wir ganz gewiss die kommenden Jahre noch viel Neues von ihm lesen. Das freut uns.

Ein sehr empfehlenswertes Buch 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu den S. Fischer-Verlagen und können das Buch bestellen.http://www.fischerverlage.de/buch/der_leidenschaftliche_zeitgenosse/9783100024220. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Rilke und die Frauen- Biografie eines Liebenden- Heimo Schwilk- Piper

Dr. Heimo Schwilk, der Autor des vorliegenden Buches, hat im letzten Jahr den italienischen Literaturpreis Premio Giovanni Comisso erhalten. Mit "Rilke und die Frauen" hat er sich in die Herzen aller Rilke-Fans geschrieben, denn sein Buch verhilft dazu, seine Poesie noch besser zu verstehen. 

Bevor ich die Biografie zu lesen begann, habe ich zunächst die 22 Abbildungen genauer studiert, um einen visuellen Eindruck von einigen  Frauen zu erhalten, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Diese Bilder sind übrigens sehr aufschlussreich.

Dem Buch näherte ich mich, indem ich zunächst den Epilog las und hier erfuhr, dass Rilkes größter Bucherfolg bis heute eine Gesamtauflage von rund einer Million verkaufter Exemplare aufweisen kann. Es handelt sich dabei um das kleine Werk "Cornet". Hier auch las ich von seiner Verlegerin und Lektorin Katharina Kippenberg, die Rilke in ihrem Insel-Verlag gefördert hat und ihn auch im Jahrzehnt seiner Schreibhemmung zwischen Beginn und Vollendung der "Duineser Elegien" sehr förderte. Diese Frau wurde seine Biografin und ihre Texte zu Rilke sollen den besten Zugang zum Leben und Werk dieses Dichters liefern. 

Das Vorwort des Autors beginnt mit den Worten "Rilke war das, was man heute ironisch als "Frauenversteher" bezeichnen würde."

Der Dichter hatte eine besondere Begabung, primär die weiblichen Adressaten seiner Briefe in eine existentielle Komplizenschaft mit hineinzuziehen und soll übrigens mitunter bis zu 400 Briefe im Monat verfasst haben. 

Für jeden Briefpartner soll er einen anderen Ton gefunden haben. Er umwirbt Fürstinnen, Baronessen und Gräfinnen im Willen, sie dienstbar zu machen für sein dichterischen Werk, denn seine diesbezüglichen Ziele machen Mäzenatentum erforderlich. Der Autor, dem bewusst ist, dass über Rilke nahezu alles schon gesagt worden ist,  weiß, dass ein Mysterium bleibt: "die Magie eines Dichtes, der es verstand, sein Leben fast vollkommen in seinem Werk aufgehen zu lassen." 

Frauen zog er in den "Weltinnenraum" seiner Imagination hinein und transformierte sie in Dichtung. Schwilks Biografie handelt von diesen Schicksalen. Den Anfang nimmt Sophie Rilke, die Mutter des Dichters, der ihr alleine 1134 Briefe schrieb, nicht zuletzt, weil er sie verehrte. Neben seiner Mutter gab es eine Reihe von Ersatzmüttern, über die man viel erfährt, so etwa Lou Andreas-Salomé, aber auch die Fürstin von Thurn und Taxis und in späteren Jahren Nanny Wunderly-Volkart, die im wie einem Kind alle Wünsche von den Lippen abgelesen haben soll. Seine Ehe mit Clara Westhoff bleibt nicht unerwähnt. 

Rilke übrigens soll aus jeder Beziehung in neue Beziehungen geflüchtet sein. Letztlich sollte ihm die Liebe nur zur Selbststeigerung als Dichter verhelfen. In der erinnernden Distanz war es ihm möglich aus heißen Gefühlen kühl und formvollendet Kunst zu gestaltet, so Schwilk. 

Rilkes Liebesbegriff war religiös fundiert und nicht sehr erotisch. Das erklärt auch, dass er zwar viele Frauen liebte, aber kein Casanova war. Seine sexuellen Erfahrungen mit Frauen wie Lou Andreas Salomé und Clara Westhoff befriedigten ihn nicht, was wohl an ihm lag, da körperliche Liebe ihn nicht erfüllte. 

Doch ich möchte nicht zu viel verraten..., vielleicht nur so viel, dass der Leser sich nicht nur auf eine eloquente Biographie, sondern auch auf Original- Rilke Textauszüge freuen darf

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Piper und können dort das Buch bestellen. Sie können es aber auch direkt beim Buchhändler und die Ecke ordern.http://www.piper.de/buecher/rilke-und-die-frauen-isbn-978-3-492-05637-3

Rezension: Reinhold Würth- Der Patriarch in seiner Verantwortung- Claus Detjen- Frankfurter Allgemeine Buch

Der Journalist Claus Detjen hat Gespräche mit dem Unternehmer und Mäzen Reinhold Würth geführt, die er in diesem Buch im Rahmen von neun Kapiteln der Allgemeinheit zugänglich macht. Reinhold Würth wurde am 20. April 2015 achtzig Jahre alt. In den Gesprächen mit dem Autor verleiht dieser Einblicke in die Ideen und Positionen, die über die Rolle des Unternehmers hinaus, den Bürger, den Mäzen und den Familienvater aus dem Verständnis von Verantwortung leiten. 

Zunächst aber hat man Gelegenheit sich in einen kleinen Essay von Hans Magnus Enzensberger zu vertiefen, der den Titel "Von außen gesehen. R. W. zum Achtzigsten" trägt. Dort liest man bereits sehr Sympathisches über Würth: "Er schätzt seine Unabhängigkeit. Nie wollte er an die Börse gehen. Den Usancen der Finanzindustrie misstraut er ebenso wie Managern, die ihr Unternehmen so leicht wechseln wie ihr Hemd. Von Anfang an hat er langfristig gedacht…"

Claus Detjen schreibt dann in der Folge, dass Reinhold Würth in dem Konzern, den er geschaffen hat, lebt und für Annäherungen an ihn die Distanzen nicht gering seien. Der Unternehmer und Mäzen verfüge über eine liberale Grundhaltung. Er sieht im Mangel an politischem Mut einen Verfall des Liberalismus in Deutschland. 

Die Gespräche, die Detjen mit Reinhold Würth führte, sind in diesem Buch zusammengefasst. Der Unternehmer spricht auch über seine Misserfolge, Rückschläge, Enttäuschungen und Grenzerfahrungen und verbindet autobiografische Erinnerungen mit Sachberichten sowie erzählerischen Passagen. 

Würth zählt zu den Persönlichkeiten, die Ansehen, Einfluss und Erfolg selbst herbeigeführt haben. Dabei liegt sein Haupterfolg darin, dass er das Verkaufen als den schönsten Beruf der Welt begreift. Er liebt den Umgang mit Menschen, seinen Produkten und das Reisen und schätzt Leistung als eine Selbstverständlichkeit für Sinnerfüllung. 

Wie man erfährt, hat kein anderes Unternehmen so viele fest angestellte Verkäufer wie die Würth-Gruppe: über 30. 000. Diese Gruppe ist eine komplexe Verkaufsmaschine, die aus über 400 einzelnen und verbundenen Firmen besteht. 

Würth unternehmerische Aktivitäten sind auf Gewinn ausgerichtet und insofern gehört seine Kunstsammlung mit ihren zentralen Beständen dem Konzern bzw. der Gruppe. Dabei möchte er Menschen in der Arbeitswelt inspirieren, ihren Lebenssinn über den Alltag hinaus zu orientieren.

Im Rahmen der neun Kapitel erfährt man u.a. wie der Patriarch für die Familie vorsorgt,  auch weshalb Würth sich für Politik interessiert. Er äußert sich hier  im Hinblick auf seine liberale Grundeinstellung, setzt sich diesbezüglich für die Förderung von Eliten ein, weil eine freie Gesellschaft diese benötigt, spricht über das Versagen der FDP und erläutert zudem, weshalb zu viel Staat die Eigenverantwortung der Bürger zerstört. 

Doch ich möchte nicht zu viel verraten von dem Menschen, der sehr neugierig zu sein scheint und daraus ein Erfolgskonzept entwickelt hat. Den  wichtigsten Satz, der Würths Resilienz dokumentiert, möchte ich hier wiedergeben: 

Rückschläge passieren, aber das darf einen nicht davon abhalten,  Ziele weiter zu verfolgen, sich neue Ziele vorzunehmen. Mein Ziel ist es immer geblieben, besser zu sein als der Durchschnitt."

Seine unglaubliche Energie bezieht Reinhold Würth übrigens aus dem Willen, die Aufgaben zu erfüllen, die er angenommen hat und denen er sich stellen will. Damit überzeugt er als Mann von großer innerer Stärke. 

Empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen sie zum Verlag und können das Buch bestellen.http://www.fazbuch.de/. Sie können es jedoch auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Kollwitz- Yuri Winterberg- Sonya Winterberg- C. Bertelsmann

Am 22.4.2015 verstarb die Künstlerin Käthe Kollwitz. Zum Anlass ihres 70. Todestages ist bei C. Bertelsmann eine Biographie mit dem Titel "Kollwitz" erschienen. Es ist die Arbeit des Schriftstellers und preisgekrönten Drehbuchautors Yury Winterberg und seiner Frau Sonya, die als Journalistin tätig ist. Gemeinsam publizieren die beiden seit zwanzig Jahren zeitgeschichtliche Themen. 

Die Autoren recherchierten seit 2010 die Lebensgeschichte der berühmten Graphikerin und Bildhauerin und haben dabei zahlreiche unbekannte Details entdeckt, so etwa Korrespondenzen in Archiven im In- und Ausland. Die Biographie ist nach den einleitenden Worten in 13 Abschnitte untergliedert und enthält eine Vielzahl von Schwarz-Weiß-Fotos, die dem Leser die Künstlerin, ihr Umfeld, ihre Werke, ihre Handschrift, ja sogar die Innenfläche ihrer rechten Hand nahebringen. 

Käthe Kollwitz war eine Ostpreußin. Sie wurde in Königsberg geboren, dem Ort, wo Immanuel Kant einst an der Universität lehrte und die Studenten wissen ließ, was er unter Aufklärung verstand. 

In der Einleitung wird zuallererst auf Augen der Ostpreußin hingewiesen. Diese sollen Menschen in den Bann gezogen haben. Kollwitz wird als unkonventionell beschrieben und es scheint generell eine geradezu hypnotische Ausstrahlung von ihr ausgegangen zu sein. 

Die vorliegende Biographie möchte nicht mit den vielen kunsthistorischen Arbeiten über Käthe Kollwitz konkurrieren. Die Autoren setzen bewusst den Schwerpunkt auf die Vita der Künstlerin. Dabei wird das Kollwitz`sche Werk in erster Linie herangezogen, um Verbindungen zur Lebensgeschichte aufzuzeigen.

Grundlage der vorliegenden Arbeit sind umfangreiche Selbstzeugnisse der Künstlerin, ihre Tagebücher, Briefe, autobiographischen Schriften, aber auch Zeugnisse aus dem Alltagsleben von Käthe Kollwitz. Viele Dokumente werden im Buch erstmals ausgewertet. 

Wer sich mit dem Leben dieser beeindruckenden Frau näher befassen möchte, ist mit diesem Werk gut beraten. Die Biographie  verleiht beste Einblicke in einzelne Zeitfenster, die diese Frau sehr unkonventionell mit Leben ausfüllte und hier nicht nur als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste berufen wurde, sondern auch als erste Frau den Orden "Pour le Mérite" erhielt. 

Der Künstler Ernst Barlach hat dem schwebenden Engel im Güstrower Dom- ein Mahnmal für die Toten im Ersten Weltkrieg-  unbewusst die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz verliehen. 

Nach der Lektüre des Buches weiß man auch weshalb.

Empfehlenswert.

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum C.Bertelsmann-Verlag und können das Buch bestellen http://www.randomhouse.de/Buch/Kollwitz-Die-Biografie/Yury-Winterberg/e446036.rhd.
Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Lyonel Feininger- Christiane Weber

Gestern schrieb ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" in der Rubrik "Gedanken zur Ethik und Kultur“ anlässlich des 144. Geburtstags von Ernst Barlach einen kleinen Beitrag, um an diesen, durch die Nazis verfemten Künstler zu erinnern.

Was hat Barlach mit Feininger gemeinsam?

Auch Feiningers Werke galten bei den Nazis als "entartet“, auch dieser Künstler war verfemt. 

Von dem Kubisten Lyonel Feininger (1871- 1956) hörte ich erstmals im Alter von 20 Jahren. Eine Journalistin aus Weimar, die in Darmstadt lebte, berichtete mir von diesem Künstler, den sie sehr schätzte und schenkte mir ein Druck eines  seiner Ölbilder, das übrigens im vorliegenden Buch visualisiert worden ist. Es handelte sich dabei um eine Abbildung von Feiningers Ölgemälde mit dem Titel "Ober-Weimar" aus dem Jahre 1921. 

In der Einführung von Christiane Weber, sie ist Kulturredakteurin der Thüringischen Landeszeitung, erhält man einen Überblick bezüglich Feiningers Biografie. Der Künstler wurde in New York geboren, verbrachte jedoch den größten Teil seines Lebens in Deutschland. Ich möchte an dieser Stelle sein Leben nicht nacherzählen, wohl aber erwähnen, dass es seine 2. Frau war, die ihn nach Weimar führte, denn Julia Berg studierte dort an der Kunstgewerbeschule. 

1919, er und Julia hatten mittlerweile drei Söhne, ließ Feininger sich in Weimar nieder. Über seine Weimarer Zeit und über seinen weiteren Schaffensraum an der Ostsee sowie vieles andere mehr erfährt man in diesem reich bebilderten Buch, in dem auch immer wieder Zitate von Feininger eingebunden sind, die neben den Werksabbildungen und den alten Fotos diesen wunderbaren Künstler dem Leser besonders lebendig nahebringen.

Wenn Feininger ohne seine Familie in Weimar war, lebte er völlig für seine Kunst. Er erkundete mit seinem Fahrrad die Umgebung und hielt alles in seinen Bildern fest. Selbst in schwierigen Zeiten beharrte er darauf, seine Gabe in seinen Werken perfekt auszudrücken, weil die Kunst für ihn  nicht Luxus, sondern eine Notwendigkeit war.

Feininger malte Stillleben, Häuser, Landschaften, seltener Menschen, kannte viele berühmte Künstler und nahm gemeinsam mit den Protagonisten des Blauen Reiters 1913 auf Einladung von Franz Marc am "Ersten Deutschen Herbstsalon" in der Berliner Galerie "Der Sturm" teil.

Der Kosmopolit wurde 1919 zur Gründung des Staatlichen Bauhauses als erster Bauhaus-Meister von Walter Gropius nach Weimar berufen. Dort leitete er die Druckwerkstatt. Man staunt über die vielseitige Befähigung dieses Mannes, der anfänglich als Karikaturist gearbeitet hat und erst mit 36 Jahren überhaupt zur Malerei kam.

Nicht uninteressant für Reisende sind die letzten Seiten des Buches. Hier kann man sich auf den Spuren Feiningers durch Weimar und das Weimarer Land, an die Ostsee nach Usedom und auch nach Quedlinburg begeben und erfährt, was es dort im Hinblick auf den Künstler, zu besichtigen gibt.

1937 verließ Lyonel Feininger gemeinsam mit seiner bedrohten jüdischen Frau das braune Deutschland und ging in die USA. Seine Kunst galt bei den Nazis als entartet, ähnlich wie die Kunst vieler anderer hervorragender Künstler. 378 seiner Werke wurde konfisziert.

Wenn der Plebs regiert, ist kein Raum für Kunst und geistvolle Literatur. Das war in allen Zeiten so. Der zerstörungswütige Plebs strebt stets das Ende der Zivilisation  und  Kultur an. Das muss sich jeder der Kunst und Kultur verbundene Mensch klar machen. Deshalb gilt: 

"Kein Volk und keine Elite darf die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass im Ernstfall, im ernstesten Falle, genügend Helden zur Stelle sein werden.“ (Erich Kästner). Bereits Ovid ermahnte nicht grundlos: "Wehret den Anfängen". Insofern ist es wichtig an all die Verfemten  stets aufs Neue zu erinnern und frühzeitig  Zerstörern des "Guten, Wahren und Schönen"  das  Handwerk zu legen.

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zur Weimarer Verlagsgesellschaft und können das Buch bestellen: http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Weimarer_Verlagsgesellschaft/Seite_2.html. Sie können es aber auch  direkt beim Buchhändler  ordern.

Rezension: Schönheit besiegt Angst- Wie ich unter Haien ein freier Mensch wurde- Jean Marie Ghislain- Elisabeth Sandmann-Verlag

Der Elisabeth Sandmann-Verlag wartet in diesem Buchherbst mit zwei korrespondierenden Büchern des Belgiers Jean-Marie Ghislain auf, einerseits mit der packend geschriebenen Lebensgeschichte dieses Fotografen, die unter Mitarbeit von Valérie Pèronnet entstanden ist und andererseits mit einem Bildband primär in Schwarz-Weiß, der die Unterwassererfahrungen Ghislains eindrucksvoll dokumentiert. Der Titel des Bildbandes lautet: "Berührende Schönheit".

In den letzten Monaten habe ich bereits zwei Bücher zum Thema Angst rezensiert und möchte diesen nun ein weiteres hinzufügen, denn Ghislains Autobiografie ist letztlich ein Anti-Angst- Praxisbuch, das zeigt, dass unser Leben selbst zur Anti-Angsttherapie werden kann, wenn wir dies zulassen. 

Der Untertitel der Lebensbeschreibungen lautet "Wie ich unter Haien ein freier Mensch wurde". Genau dieser Untertitel sprach mich an und ließ mich gestern Abend schließlich das 159 Seiten umfassende Buch in einem Rutsch durchlesen. Die poetische Sprache gepaart mit dem Mut und der Abenteuerlust des Autors nahm  mich sofort gefangen und schenkte mir sehr schöne Lesestunden. 

Ghislain ist ein ungewöhnlicher Mensch, der alles andere als eine Beamtenmentalität besitzt. Der Mitte 1950 geborene Mann von beeindruckender Tatkraft verfügt im Übermaß über das, was mittels diversen Psychologieratgebern Lesern antrainiert  werden soll: Resilienz.

Ghislain, dessen Leben sich als permanenter Wechsel von Erfolg und Absturz erweist, den er packend beschreibt und der als Frauenliebling immer wieder Halt bei schönen und dabei nicht selten klugen Frauen findet, lernte seine Untiefen auszuleuchten, lernte schließlich, nachdem er bereits tollkühn gesegelt, gesurft und geflogen ist,  das Tauchen kennen und eroberte sich eine Welt, von der er zuvor keine Vorstellung hatte. 

Doch dies geschieht erst zu Ende des Buches. Zuvor nimmt man an vielen anderen Abenteuern des Autors teil, die er überall auf der Welt in den letzten Jahrzehnten erlebte. Ghislain arbeitete nach seinem Studium nicht als Fotograf, sondern schlug sich als Selfmademan und hier als Kaufmann und Unternehmensgründer, der oft viel Fortune hatte: durchs Leben. Das Glück verließ ihn immer wieder kurzzeitig, löste aber stets dramatische Veränderungen in seinem Leben  aus. durch die er neue Wege gehen konnte, um immer intensiver zu sich und seinen Ängsten vorzudringen, die irgendwo in seiner Kindheit angesiedelt waren. 

Es scheint keine bewusster Prozess gewesen zu sein. Dinge ereigneten sich einfach. Ghislain, der nicht zaudernde Mann der Tat, bemühte sich mit den Lebenssituationen, die er vorgesetzt bekam, stets auf Neue fertig zu werden und nicht depressiv aufzugeben. 

Ein Mensch, wie Jean-Marie Ghislain erscheint dem einen oder anderen Leser möglicherweise generell als angstfrei, wenn er dessen Lebensbeschreibung liest. Das jedoch ist nicht so. Es ist seine Resilienz, nicht seine vermeintliche Angstfreiheit, die ihn  stets rettet, wenn aufgrund veränderte wirtschaftlicher Umstände  blühende Firmen von ihm Knall auf Fall zusammenbrechen und er vor einem Scherbenhaufen steht.

Sein Knowhow lässt ihn immer wieder erfolgreich Neues entwickeln. Er lebt die amerikanische Erfolgsidee, die für deutsche Sicherheitsdenker so fremd ist wie ein ferner Stern. Jean- Marie Ghislain greift nach den Sternen und findet sie schließlich weltweit unter Wasser, indem er seine Angst vor Haien überwindet und fortan fotografisch ihre Schönheit besingt. 

Ein tolles Buch, sehr lehrreich, nicht nur, was die Praktiken der Angstüberwindung anbelangt, sondern auch im Hinblick auf die Tatsache, dass vieles erreichbar ist, wenn man sich nicht hängen lässt und das Leben umso erkenntnisreicher zu sein scheint, je mehr es einer Achterbahn gleicht.

Empfehlenswert

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Elisabeth-Sandmann-Verlag und können das Buch bestellen. http://www.elisabeth-sandmann.de/buecher/biografie-und-gesellschaft/897/schoenheit-besiegt-angst

Rezension: "Denn das Leben ist die Liebe"- Marianne von Willemer und Goethe im Spiegel des West-östlichen Divans

Dies ist der Ausstellungskatalog zur Ausstellung  "Denn das Leben ist die Liebe- Marianne von Willemer und Goethe im Spiegel des West-östlichen Divans", die vom 19.09.2014 bis 23.11.2014 im Arkadensaal im Frankfurter Goethehaus Freies Hochstift stattfand. 

Das Vorwort zum Katalog hat Anne Bohnenkamp-Renken verfasst. Sie hat gemeinsam mit Henrik Birus in Verbindung mit Christoph Perels, Andrea Polaschegg und Joachim Seng diesen informationsreichen Katalog herausgegeben. 

Anlass der Ausstellung war das 200 jährige Jubiläum von Goethes Lektüre des persischen Dichters Hafis und sein Zusammentreffen mit der jungen Frankfurterin Marianne Jung, verheiratete von Willemer. In der Ausstellung ging es darum, die wechselseitige Steigerung von Poesie und Leben zu zeigen, die für das Werk des  "West-östlichen Divans" bezeichnend ist. 

Die Idee und Konzeption zur Ausstellung und zum Katalog entstanden im Dialog zwischen Anne Bohnenkamp-Renken und Henrik Birus. Aufgeklärt wird man über die Sehnsucht des Frankfurter Bürgertums im 18. Jahrhundert nach dem Morgenland und erfährt von Goethes Orientvorstellungen lange bevor er den "West-östlichen Divan" schrieb, liest welche orientalischen Gegenstände in keinem begüterten Haus damals hinwegzudenken waren und  dass morgenländischer Flair inklusive Ottomane und Diwan zum Interieur des bürgerlichen Wohnzimmers zählte. 

Der junge Goethe hatte sogar einen Latein- und Griechisch- Lehrer, dessen Onkel ein osmanischer Hauptmann war. Goethes entscheidende Begegnungen mit dem Morgenland fanden allerdings in der Literatur statt. Dabei faszinierten den jungen Goethe in erster Linie Schriften aus dem Orient, die er in der väterlichen Bibliothek vorfand. Seine frühe Beschäftigung mit dem Orient bewegte sich durchweg in einem Faszinationsraum aus Heiliger Schrift, Genialität, Poesie und morgenländischem Altertum. Insofern haben Goethes frühe gedankliche Morgenlandfahrten nur wenig mit dem "West-östlichen Divan" zu tun. 

Im Sommer 1814 las Goethe den "Diwan" von Hafis und führte zu dem Werk  "West-östlicher Diwan" von Goethe. Man erfährt u.a. von einer Übersetzung der  "Hohelieds Salomons" seitens Goethe im Jahre 1775, auch dass er sich mit dem Islam beschäftigt hat. 

Christoph Perels schreibt über die Begegnung Goethes mit Marianne von Willemer. Zu diesem Thema habe ich 2004 eine Rezension zu Dagmar von Gersdorffs "Geschichte einer Liebe" geschrieben. Perels fasst in seinem Beitrag alles Wissenswerte diesbezüglich sehr gut und komprimiert zusammen. 

Man lernt Mariannes neapolitanische Gitarre kennen, die sie an jenem Abend als Goethe in der Gerbermühle weilte, spielte und lernt auch ihren Schmuck kennen. Sehr schön zudem sind die Höchster Porzellan- Figuren, die Türkenkapelle und der Sultan und die Sultanin von Peter Melchior, der einst Goethe porträtierte. Erfreulich ist, dass diese Figuren im Buch gezeigt werden. Die Jugendfreundin Marianne Willemers Antonie Brentano erbte einst 172 solcher wertvoller Figuren von ihrem Vater. Heute sind Höchster Figuren ein Vermögen wert.

Wissenswertes erfährt man über den orientalisierten Liebesdialog "Hatem und Suleika" und kann sich mit Textinterpretationen befassen, die hier zu erörtern, den Rahmen sprengen würde, aber man begreift den Dialog durch die Textinterpretation besser und weiß einzuschätzen, wie man die Zeilen "Denn das Leben ist die Liebe/Und des Lebens Leben Geist" zu werten hat. 

Den Erstdruck des "West-östlichen Divan" lernt man kennen, liest auch über Marianne Willemers Leben nach der Begegnung mit dem Dichter, kann sich anschließend in die Kataloginformationen vertiefen und erhält auf diese Weise eine Vorstellung davon, was alles in der Ausstellung zu sehen war. Dabei gewesen ist auch die Reinschrift von  "Ginkgo Biloba" mit den beiden Ginkgo-Blättern aus dem Jahre 1815. 

Empfehlenswert.

Rezension: Ricarda Huch- Die Summe des Ganzen- Leben und Werk. Katrin Lemke- Weimarer Verlagsgesellschaft

Die in  Jena lebende Autorin Katrin Lemke  recherchierte zu der Schriftstellerin #Ricarda_Huch (1864- 1947) im Deutschen Literaturarchiv Marbach, im Jenaer Stadtarchiv und in privaten Sammlungen. 

Auf der Innenseite des Klappentextes listet sie die Ehrungen ihrer Protagonistin auf, die  mit diesen auf beeindruckende Weise als eine der großen Gestalten der deutschen Literatur gewürdigt wurde.

Von Ricarda Huch, die um die Jahrhundertwende als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen galt, habe ich bislang nur ein Buch gelesen - "Der Fall Deruga"-, das mich damals sehr fasziniert hatte und  Ursache war, nun  diese Biografie zu lesen, die seitens Katrin Lemke anlässlich des 150. Geburtstages der vielgeehrten Schriftstellerin verfasst wurde.

Ricarda Huch  stammte aus einer niedersächsischen Kaufmannsfamilie und ist eine der ersten Frauen überhaupt, die  in Zürich studierte und promovierte. Zunächst  Lehrerin der deutschen Sprache, lebte sie später als freie Schriftstellerin an unterschiedlichen Orten.

Man liest von ihrer Liebe zu Richard Huch, dem Mann ihrer älteren Schwester. Diese Liebe war Anlass für das Studium in Zürich, um der unglücklichen Liebe zu entgehen und ihre intellektuellen Fähigkeiten, ihrer Lernfreude und ihrem Hunger nach eigener Charakterbildung und persönlicher Geltung Tribut zu zollen. Die junge Frau heiratete einen Zahnarzt in Wien, von dem die sich aber wieder trennte, um 1907 mit dem geschiedenen Mann ihrer Schwester die Ehe zu schließen, den sie noch immer liebte. Nach 20 Jahren des Getrenntsein finden die beiden zueinander, aber tief im Inneren misstrauen sie sich.

In ihrem erster Roman "Ludolf Ursleu, dem Jüngeren" thematisiert sie den Niedergang einer hanseatischen Patrizierfamilie. Lemke zitiert aus diesem Buch, wie auch aus anderen Huch-Texten, die aufzuzählen, nicht Gegenstand der Rezension sein kann. Ihr Interesse gilt  soviel nur: Luther, Nietzsche, Shakespeare, Keller, Fontane, Lassalle, Bakunin, der Heiligen Schrift und dem Romantischen Sozialismus.

Auf Seite 98 fand ich ein Gedicht von Ricarda Huch, das ich hier zitieren möchte, weil es Emotionen anspricht, die jeder der unglücklich geliebt hat oder liebt,  gewiss kennt:

"Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.“

Die vielen Fotos im Buch, die den Text begleiten, zeigen auch visuell den Werdegang dieser intelligenten, vielfältig interessierten Protagonistin, die mit dem philosophischen Essay "Urphänomene" eines ihrer letzten Bücher schrieb, in dem sie über die Quellen menschlicher Existenz nachdenkt. Dieses Buch habe ich mir vorgenommen im kommenden Jahr zu lesen und dazu auch eine Rezension zu verfassen. 

PS: In die, auf die aufklappbaren Buchdeckel eingebunden ist ein Stadtspaziergang durch Jena, der Bezug auf die Schriftstellerin nimmt und das nicht ohne Grund...

Empfehlenswert.

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Verlag und können das Buch dort bestellen: http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Weimarer_Verlagsgesellschaft/Katrin_Lemke-Ricarda_Huch-EAN:9783865397126.html. Sie können es aber auch bei ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Goethe im Wahnsinn der Liebe- Band 1: Die Flucht 1786- Veit Noll - Forschungsverlag Salzwedel

 http://forschungsverlag.de/.
In den letzten Tagen habe ich mich in ein Buch vertieft, das "Goethe-Fans" mit großem Interesse lesen werden. Der Titel "Goethe im Wahnsinn der Liebe - Band 1: Die Flucht 1786" und auch der Stempel "Index verbotener Bücher" machten mich sofort neugierig. 

Dem rückseitigen Buchdeckel entnahm ich, dass der Autor Veit Noll Jurist und Familienanwalt ist. Jurist war auch Goethe und in diesbezüglichen Kategorien dachte er nicht selten, auch wenn nicht wenige Germanisten ihn am liebsten ausschließlich als über den Wolken schwebenden Dichterfürsten mit Apoll-Antlitz sehen wollen. Goethe war beides und  vieles andere mehr aufgrund seiner Interessenvielfalt und damit verbundenen Kenntnissen.  Einen Goethe zu verschubladen ist nicht möglich.

Die Chance eines juristisch vorgebildeten Goetheforschers, sich in Goethes  Denk- und Handlungsmuster zu vertiefen und dabei etwas Neues ausfindig zu machen, ist vermutlich größer als die Möglichkeit für einen Germanisten dahingehend auf etwas Unerforschtes zu stoßen, weil die Fragestellungen eines Juristen einfach andere sind und deswegen vielleicht unbeackertes Feld entdeckt werden kann. Es ist ja eher die Ausnahme, dass sich ein Jurist an das Multitalent Goethe heranwagt.

Die Protagonisten im Buch sind Johann Wolfgang von Goethe (1749- 1832) Charlotte von Stein (1742- 1827) und Herzogin Anna Amalia (1739- 1807). 

Goethe war bekanntermaßen ein Frauenliebling und zwar auch von adeligen Damen, die einige Jahre älter waren als er. Nichts Genaues weiß man über sein Verhältnis zur Herzogsmutter Anna Amalia, die an dem jungen Goethe (er war nur 10 Jahre jünger als sie) offenbar "einen Narren gefressen" hatte. Nach außen sichtbare Gründe waren gemeinsame Interessen an Literatur, Kunst, Musik und Theater. Doch offenbar war da möglicherweise  noch mehr, zumindest bei der jungen Witwe, anfänglich vielleicht auch bei Goethe. Wie Noll herausgefunden hat, scheint der Umgang dieser beiden Protagonisten bei allen Standesunterschieden  auf jeden Fall betont freizügig gewesen zu sein. 

Dass Goethe in die verheiratete Charlotte von Stein verliebt war, ist allgemein bekannt und dass die beiden eine über das platonische hinausgehende Beziehung pflegten, steht für mich außer Frage. Die Briefe Goethes an Charlotte dokumentieren seine innige Liebe zu ihr, zeigen aber auch den Zwiespalt, der sich daraus ergab, weil der Ehemann  Josias von Stein nicht hinweg zu diskutieren war. 

Veit Noll hat sich in seinen Forschungstätigkeiten ausgiebig mit der Problematik des ehebrecherischen Verhältnisses und des damit verbundenen Skandals zwischen Emilie von Werthern (1757-1844) und August von Einsiedel (1754-1837) befasst und über diese Schiene Zugang zu all den Vorbehalten Charlottes und auch Goethes, einen ähnlichen Skandal herbei zu führen, gefunden. 

Aufschlussreich auch scheint das Gesamtverhalten Anna Amalias zu sein, die offenbar ihr Interesse an Goethe verstärkte, sprich "Morgenluft witterte", nachdem sie bemerkt hatte, dass die Beziehung zwischen Charlotte und Goethe in der Zeit seines Italienaufenthaltes abzukühlen schien. Anna Amalia wollte ihrem "Objekt der Begierde"  nach Rom folgen, doch Goethe versuchte sie auf Distanz zu halten...

Die Fülle von Fakten aufgrund von Textanalysen hier verkürzt wiederzugeben, ist unmöglich. Man liest zunächst über Anna Amalias Zuneigung zu Goethe in den frühen Jahren bis zur Italienreise (1775-1786), die sich als Gegensatz zum Liebesverhältnis zwischen Goethe und Charlotte von Stein offenbart. 

Sehr interessant auch ist es,   über die allgemeinen und juristischen Betrachtungen von Ehe in jener Zeit aufgeklärt zu werden. Auf Gefühle und Zuneigung kam es in einer Ehe nach damaliger Betrachtung und Sitte nicht an, deshalb auch galt eine Ehescheidung aufgrund von Nichtharmonie als verpönt, selbst in protestantischen Gegenden. 

In vielen seiner Werke spiegeln sich Goethes Beziehungsprobleme offenbar wieder und das macht Nolls Buch so wichtig, denn der Autor zeigt an Beispielen, nicht zuletzt an der "Iphigenie", die er einer akribischen und dabei entlarvenden Textanalyse unterzogen hat, dass Goethe sich in seinen Werken letztlich mit sich und seinem persönlichen Umfeld auseinandersetzt und er damit mit seinem Werk verschmilzt.

Man liest des Weiteren von der geistigen Hochzeit, die Goethe mit Charlotte am 12. März 1781 realisierte. Damit leitete er von dem ursprünglichen und immer mal wieder aufleuchtenden Wunsch nach dem Verhältnis eines Liebhabers über ein geschwisterliches Verhältnis zu einer "bloß" liebenden geistigen Ehe über.

Der Autor macht die Dreiecksbeziehung zwischen Goethe, Charlotte und deren Ehemann begreifbar und auf welche Art man sich arrangiert hatte. Dabei wird  das Verhältnis von Charlotte und Goethe vor der Italienreise hervorragend ausgeleuchtet  und man versteht dann auch, weshalb Charlotte Goethe nicht inkognito nach Italien begleiten wollte: "Das heilige Band der Ehe war nicht zu verletzten, die Heimat war ihr lebenswichtig."(S.82). 

Die Italienreise Goethes ist ein Thema des Buches und hier auch das Abschotten des Wahl-Weimarers im Hinblick auf Anna Amalia. Veit Noll schlüsselt das Verhältnis  Goethes und Anna Amalias durch die Betrachtung diverser antiker Göttinnen auf. Hier spielt dann auch Anna Amalias Kunstreise nach Italien eine Rolle.  Die Herzoginmutter identifiziert sich mit den Göttinnen Diana, Minerva und Juno....

In der Materialsammlung, die den umfangreichen Betrachtungen angefügt sind, finden sich Gedichte, Regeln, Abbildungen, darunter auch Schattenrisse und handschriftliche Zeugnisse, die im Verzeichnis der Abbildungen näher erläutert werden. Das Bild auf dem vorderen Buchdeckel zeigt übrigens ein Deckengemälde des Wittums Palais (Anna Amalias Wohnsitz in Weimar) und scheint an die im Buch zur Sprache gebrachten Protagonisten zu erinnern. 

Dem hier vorliegenden 1. Band folgen weitere, wie der Autor seine Leser wissen lässt, wobei sich der 2. Band dann mit Anna Amalias Italienreise und dem Tasso befasst.

"Goethe im Wahnsinn der Liebe" ist ein spannend zu lesendes Buch, das ich gerne weiterempfehle, weil es letztlich begreifbar macht, dass Goethe und sein Werk eine Einheit bilden.

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Verlag und können das Buch dort direkt bestellen: http://forschungsverlag.de/. Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.
Bericht über die Buchpräsentation: http://gastkolumne.blogspot.de/2014/11/jorg-f-nowack-buchprasentation-goethe.html
Interview mit Veit Noll: http://interviews-mit-autoren.blogspot.de/2014/11/helga-konig-im-gesprach-mit-veit-noll.html
Veit Noll: Goethe im Wahnsinn der Liebe. 
Bd. 1: Die Flucht 1786. 
ISBN: 978-3-9816669-2-2
Hardcover, 386 Seiten, 59 Abbildungen
Ladenpreis 28,50 €

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