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Rezension Peter J. König: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 - 1945-Marie Jalowicz Simon

Selten hat eine Biographie durch solche schonungslose Offenheit überzeugt, wie die hier dargelegte Erfahrung einer jungen Jüdin, die im Jahre 1942 unmittelbar vor ihrer Deportation in ein Konzentrationslager entschied, in den Untergrund zu gehen, um so unentdeckt vielleicht die Nazizeit zu überleben oder eventuell sich den Schergen durch Flucht ins sichere Ausland zu entziehen. Das im S. Fischer-Verlag erschienene Buch sind die Erinnerungen der damaligen Abiturientin Marie Jalowicz, Tochter eines angesehenen jüdischen Rechtsanwaltes in Berlin. Über 50 Jahre schwieg die spätere Professorin für Antike Literatur und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität und vermied es selbst ihrem Sohn Hermann Simon auch nur andeutungsweise von ihren Erinnerungen aus dieser Zeit zu erzählen.

Erst kurz vor ihrem Tod, Marie Jalowicz Simon starb 1998, entschloss sie sich auf eindringliches Bitten ihres Sohnes hin, er war mittlerweile Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum, ihre zeitgeschichtlich so wichtigen Erfahrungen im Untergrund von Berlin in den letzten Kriegsjahren der Nachwelt zukommen zu lassen. Auf 77 Tonbändern wurden ihre Erinnerungen festgehalten, die Autorin Irene Stratenwerth hat zusammen mit Hermann Simon dieses entlarvende Buch über den verkommenen Zustand jenes Nazi-Deutschlands zu Papier gebracht.

Dass die 19jährige Jüdin überhaupt sich entschloss, sich nicht wie die allermeisten Glaubensgenossen von den national-sozialistischen Mördern abtransportieren zu lassen, verdankt sie ihrem unbändigen Willen überleben zu wollen. Dass dies ihr auch gelang, beruht auf ihrer Intelligenz und ihrer Auffassungsgabe für sie gefährliche Situationen sofort zu erkennen, um selbstbeherrscht rational immer wieder nach neuen Auswegen zu suchen. Dabei nahm sie alle Pein auf sich und sie war sich nicht zu schade, auch sexuell ausgebeutet zu werden. Ständig musste sie neue Verstecke suchen, sich bei Menschen einquartieren, die bereit waren ihr Unterschlupf zu bieten, um sie dann mit allen möglichen Arbeiten schonungslos zu belasten. Selbst die spontanen Verlobungen mit einem bulgarischen und einem holländischen Fremdarbeiter dienten dazu, wieder einmal für eine gewisse Zeit überleben zu können. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass Marie Jalowicz sich jeder brenzligen Situation vor Entdeckung entziehen konnte, zumal die Bombenangriffe auf Berlin immer verheerender wurden und Wohnraum kaum noch vorhanden war. Immer wieder gelang es ihr durch permanenten Ortswechsel ihre wahre jüdische Identität zu verbergen, ihr Organisationstalent schaffte es wenigstens, ein Minimum an notwendiger Nahrung aufzutreiben.

Neben den unglaublichen Willensanstrengungen von Marie Jalowicz zu überleben, besteht der wahre Wert dieses Buches darin, hautnah zu erfahren, wie die Deutschen, und dies speziell in den unteren Schichten, denn dort suchte die Protagonistin ihre Chance sich im Untergrund zu verbergen, gegenüber dem Regime eingestellt waren, ob sie bereit waren zu helfen oder wie weit der bedingungslose Gehorsam gegenüber den Nazis ausgeprägt war. Diesbezüglich liefert das Buch einen erkennenswerten Eindruck, es zeigt den Zustand dieser bestimmten deutschen Gesellschaftsschicht zum Ende der Nazizeit von innen heraus. Es zeigt aber auch, wie es Hitler und seine Gesellen geschafft haben, innerhalb von wenigen Jahren eine Gesellschaft verrohen zu lassen und den Mord an den Juden als etwas Selbstverständliches zu betrachten, von den meisten zumindest.

Dass Marie Jalowicz dieses alles überlebt hat, grenzt wirklich an ein Wunder. Dass sie Deutschland nach der Kapitulation und der Erlangung ihrer persönlichen Freiheit aber nicht fluchtartig verlassen hat, ganz im Gegenteil in Berlin blieb, um hier zu studieren und um sich ein eigenes Leben aufzubauen, obwohl so viele Verwandte und Freunde von ihr von den Nazis getötet worden waren, zeigt, dass sie an ein anderes Deutschland geglaubt hat, ein Deutschland der Werte, die sie zuvor von ihren Vorfahren erklärt bekam, gerade weil sie Juden waren.

„Untergetaucht“ ist ein beeindruckendes Buch, das nicht nur sehr nachdenklich macht, was die deutsche Vergangenheit anbetrifft. Es ist damit ein unverzichtbares Zeitdokument. Aber ebenso berührend ist, mit welchem starken Willen und welcher unantastbaren Persönlichkeit diese junge Frau sich gegen ihr vermeintliches Schicksal gestemmt hat und dabei alles auf sich nahm, um zu überleben.

Sehr empfehlenswert

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Rezension:Womit ich nie gerechnet habe: Die Autobiographie (Gebundene Ausgabe)

"Wer zynisch und verachtend mit seinen Kunden umspringt, behandelt in gleicher Weise seine Mitarbeiter."

(Götz W. Werner) Dies ist die überaus spannend zu lesende Autobiographie des Gründers und Aufsichtsratsmitglieds der dm-Drogeriemärkte, Goetz Werner, der am 5. Februar seinen 70. Geburtstag feiern wird. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass dieses Buch weitaus mehr als das verkörpert, was man üblicherweise unter einer Autobiographie versteht, denn es ist zugleich ein unglaublich gut geschriebenes, praktisches Betriebslehrebuch, aber auch ein Ratgeber für angewandte Ethik.

Untergliedert in einen Prolog, 16 Kapitel und einem Epilog, entfaltet sich das Leben und Wirken dieses humanistisch handelnden, in vieler Hinsicht erfolgreichen Kaufmanns, der zunächst über Evidenzerlebnisse nachdenkt, denen er immer eine besondere Achtung schenkt, weil sie richtungsweisend für ein erfolgreiches Leben sind. Evidenz verschafft Goetz W. Werner Erkenntnis, nämlich die das Richtige zu tun. Der Autor empfiehlt, sich für Evidenzerlebnisse zu sensibilisieren, indem man in die Welt hinausgeht, offen sowie neugierig schaut und sich darauf einlässt, wer oder was uns begegnet und wofür man sich erwärmt, (vgl.: S.16).

Liest man diese Autobiografie, so stellt man alsbald fest, dass Götz W. Werner sich stets sehr offen gegenüber allem Neuen gezeigt hat und eine sehr kluge Strategie sein eigen nennt, nämlich sich nicht überstürzt von Altem zu trennen, wenn das Neue ihn auf seinem Weg weiterbringt. Dabei allerdings hat er stets die Menschen im Auge, mit denen er zu tun hat, die für ihn niemals Mittel, sondern stets Ziel seiner Handlungen sind.

Der in Heidelberg geborene Drogist schreibt von den Anfängen seines Berufslebens, vom Betrieb seines Vaters, den er umkrempeln wollte als er erkannte, dass der gesamte Einzelhandel im Umbruch war. Als sein Vater seine Idee nicht mittragen wollte ging Werner seinen eigenen Weg und eröffnete 1974 seinen ersten Laden, nachdem die Preisbindung gefallen war. Man liest von seinem Konzept mit weniger Waren mehr Umsatz zu tätigen, aufgrund attraktiverer Preise und er vergisst dabei nicht zu erwähnen, dass der Umsatz letztlich der Applaus der Kunden ist.

Der Unternehmer berichtet wie er seine Firma aufgebaut hat und welche Kriterien er bei den Bewerbungen für das Filialnetz seiner Führungskräfte als wichtig erachtet hat. Er schreibt von bestimmten Handlungsmustern des unternehmerischen Erfolgs und warnt vor empirischem Handeln, weil man stets neue Fähigkeiten benötigt, um auf die Herausforderungen des Marktes zu reagieren, (vgl.: S.56).

Der Autor schreibt auch wie er zum anthroposophischen Denken kam und wie ihm klar wurde, dass er dieses Denken in sein unternehmerisches Handeln umsetzen müsse. Unter Anthroposophie besteht man übrigens die Weisheit vom Menschen. Für Werner ist sie zur Quelle geworden, um die Welt und die Menschen besser zu verstehen. Sie veranlasste ihn lösungsorientiert und nicht problemorientiert zu handeln. Für diesen Unternehmer gilt: "Wenn ein Unternehmer die Welt und seine Mitmenschen nicht liebt, wird er auf Dauer nicht erfolgreich sein." (Zitat S.66)

 Man liest vom Werner`schen Kundengrundsatz, der ihn immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat. Sein Ziel war es "Kundenbedürfnisse zu veredeln", d. h. Bedürfnisse zu befriedigen ohne sie "billig zu stimulieren", (vgl.S.70). Für ihn war klar: "Wer den Menschen nur zum Mittel macht, nicht zum Zweck, wird nicht den Menschen bedienen, sondern den Geldbeutel", (Zitat S.72). Werner legte von je her Wert auf ehrliche Kommunikation, was man ihm völlig abnimmt, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Man erfährt wie er schon früh ökologisch und nachhaltig dachte und handelte, liest Wissenswertes zu Alnatura- Produkten, die in seinen Märkten angeboten werden, erfährt auch Näheres zu den dm-eigenen Produkten und der Idee, die dahinter steht.

Natürlich schreibt er auch über seine beiden Frauen und seinen sieben Kinder. Einfach hat dieser Mann er sich nicht gemacht als seine erste Frau krank wurde, sich trennte und schließlich Selbstmord beging. Werner ist ein Familienmensch ohne kostspielige, exklusive Hobbys, ein Mensch, der es versteht zwischen Berufs- und Privatleben keine künstliche Trennlinie zu ziehen, ein Mensch mit viel Herz. Sehr berührend.

Er schreibt in seinem Buch auch von seinem Umgang mit seinen Mitarbeitern und wie er sich vom Hierarchiebewusstsein in seiner Firma verabschiedete, um es in ein Prozessbewusstsein zu verwandeln. Die Folge dieser Verwandlung ist, dass der Maßstab der Mitarbeiter nicht mehr der Chef, bzw. Vorgesetzte, sondern der Kunde ist, (vgl. S. 101). Für Werner heißt Wirtschaft füreinander tätig zu sein und Arbeit ist für ihn dazu da, dass man sich entwickelt, dass man über sich hinauswächst, (vgl. S.103).

Man liest über professionelles Projektmanagement und auch über die beiden Dinge, die ein erfolgreicher Unternehmer benötigt: Eine klare Vision und die liebe zum Detail, (vgl. S.125). Dabei ist beides gleich wichtig. Er schreibt darüber, wie notwendig es ist, dass Mitarbeiter angstfrei über Verbesserungen in der Firma reden können. Nur so kann ein Unternehmen sich täglich neu erfinden und Schwachstellen beseitigen. Werner weiß, dass konstruktive Unzufriedenheit mit herrschenden Umständen die Voraussetzung für Innovation darstellt, (vgl.: 134). Er ist selbstbewusst genug, sich dieser konstruktiven Unzufriedenheit zu stellen, um zu lernen.

 Er schreibt über die vier Schritte von Veränderung und verdeutlicht, dass der richtige Rhythmus zwischen Kontinuität und Kreativität die eigentliche Herausforderung erfolgreichen Unternehmertums darstellt. Geistesgegenwart ist wichtig. Werner ist immer präsent, bewusst zukunftsgewandt und lösungsorientiert. Für ihn, der an Reinkarnation glaubt, besteht das Leben in Aufgaben, die es zu lösen gilt und er weiß, dass es immer einen Weg gibt, für einen Menschen, der wirklich unternehmerisch disponiert ist, (vgl. S.151).

Werner vermutet, dass seine sportliche und unternehmerische Grundhaltung ihn vor großen Krisen bewahrt hat. Weil er stets sensibel für Veränderungen war, kann er auf eine kontinuierliche Entwicklung ohne wesentliche Rückschläge zurückblicken, (vgl.: S. 151).

Es führt zu weit, auf all die Einzelheiten seines im Buch dargelegten, betriebswirtschaftlich sinnvollen Handels einzugehen. Erwähnen möchte ich allerdings die "dialogische Führung". Werner erkannte, dass am Abteilungsdenken die Gemeinschaft zerbricht und es anstelle von Kooperation nur Konkurrenz gibt in Firmen mit diesem Grundmuster, das kontraproduktiv ist für den Firmenerfolg. Ein wesentlicher Teil der Entwicklung bestand für Werner in seinem Unternehmen in der Reflexion des Tuns, der Organisation und Firmenkultur. Für ihn ist es wichtig, dass Mitarbeiter aus eigener Einsicht und eigener Verantwortung handeln. Bei dem von ihm bevorzugten dialogischen Führungsstil geht es darum, dass im Gespräch auch immer Sinn vermittelt wird. Die Art dieses Umgangs fördert die Selbstbestimmung des Einzelnen.

Werner schreibt auch von dem Wechselspiel zwischen Wachsen und Schrumpfen und darüber, dass Frauen viel eher bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, während Männer zunächst fragen, wer eigentlich dafür zuständig ist, (vgl.: S. 198).

Es ist schon interessant zu lesen, dass der Umbau und die Verflachung der Hierarchie ein wesentlicher Schritt für den weiteren Erfolg vom dm war. Das hatte ich fast vermutet, nachdem ich viele Jahre als Kundin meine Personalbeobachtungen dort angestellt habe. Ich kenne sonst keinen Markt, der so viel Freundlichkeit und Harmonie ausstrahlt. Das ist sicher auch ein Ergebnis der Prozessorientierung.

Werner hat sich viele Gedanken über den Wert der Arbeit eines Jeden gemacht und er begreift ein Unternehmen als einen sozialen Organismus. Diesen Gedanke, den er näher ausführt (S. S. 225ff) sollten sich viele Unternehmer bewusst machen. Es würden manche Schwierigkeiten nicht entstehen, weil man den nötigen Respekt voreinander spürt, um bereits zu sein, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Werner streift auch die Fehlentwicklungen bei Schlecker, deren Ursachen sehr schnell klar werden. Aber auch Werners Idee eines Grundeinkommens bleibt im Buch nicht ausgespart und auch nicht seine Professur und der Rückzug aus dem operativen Geschäft seiner Firma. Doch ich möchte nicht zu viel verraten...

Besonders gut gefallen hat mir nachstehender Gedanke des Autors, mit dem ich die Rezension beenden möchte:"Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn. Er braucht eine spezifische Aufgabe, die darauf wartet, von ihm gelöst zu werden. Er lebt in der Hingabe an eine solche Aufgabe." (Zitat: S. 256)

Ich bin völlig fasziniert von Götz W. Werner, dessen Lebensklugkeit und dessen großes soziales Engagement mich völlig gefangen nimmt. Seine Autobiografie kann man nicht genug loben.

Ein Buch, das ich nachdrücklich empfehle.

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Rezension:Salonfrauen - Leidenschaft, Mut, geistige Freiheit (Gebundene Ausgabe)

Dieses bemerkenswerte Buch der Autorin Dr. Ulrike Müller befasst sich mit den Salonfrauen zwischen der Romantik und der Moderne. Nach einer umfangreichen und sehr erhellenden Einleitung kann man sich in vier Abschnitten über besagte Frauen kundig machen.

Dr. Müller bemerkt zum Schluss ihrer Einleitung übrigens, dass das Buch tendenziös sei. Sie möchte nämlich nicht nur einen möglichst sachgerechten Eindruck von Salons und Salonnièren, Kulturgeschichte und weiblichen Lebensleistungen zwischen Romantik und Moderne vermitteln, sondern zudem über das Faktische hinausgehen, weil sie von der Leidenschaft für die Utopie des Salons ergriffen sei. Damit steht sie nicht allein. Auch mich treibt der Salongedanke schon seit langer Zeit um und ich bin heute mehr den je überzeugt, dass man ihn zeitgemäß virtuell umsetzen könnte, wenn man bestimmte Grundbedingungen einhält.

Zunächst geht Dr. Ulrike Müller der Frage nach, was man unter einem Salon überhaupt zu verstehen hat. Dieser Raum wurde einst von Frauen initiiert und gestaltet. Motor der Salonkultur war der Bildungshunger der Frauen, die einst keinen Zugang zu Gymnasien und Universität hatten. Die Salonniéren boten ihren Gästen und sich Freiraum für intellektuellen Gedankenaustausch, Dichtung, Philosophie, Politik, Musik und bildende Kunst.

Man erfährt im Buch nicht nur aus welchen gesellschaftlichen Gruppierungen die Salondamen kamen, sondern auch woher der Begriff "Salon" kommt und wann die Salonkultur ihren Anfang nahm. Wissen sollte man dabei, dass von Beginn an der Salon mit der die Idee einer europäischen Einheit verbunden war und sich zu Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend von den Höfen emanzipierte.

Die 18 Porträts der Damen werden in vier Kapitel untergliedert: 
Die Sprach- und Sprechlustigen: Literatur und mehr 
Die Intellektuellen: Zwischen Politik und Philosophie
Musen, Mütter, Meistersängerinnen: Schwerpunkt Musik 

Jägerinnen und Sammlerinnen: Schwerpunkt bildende Kunst. Diesen Porträts vorgeschaltet sind in den vier Kapiteln jeweils ein allgemeine Erläuterungen. Hier werden dann noch weitere Damen mit wenigen Worten kurz vorgestellt.

Die 18 Protagonistinnen des Buches werden hervorragend skizziert und man erhält ein recht gutes Bild von dem, was die einzelnen Damen umtrieb und worum es ihnen ging. Rahel Varnhagen war beispielsweise eine Vertreterin der Aufklärung. Sie glaubte an die Menschenrechte, an die Humanisierung durch Bildung und zwar auf der Basis einer Form von Erkenntnis, die auch Gefühlserfahrung, Intuition, das Unbewusste und den Traum einschließt, (vgl.: S.27). Eine Frau ganz nach meinem Geschmack. Man wünscht sich, dass alle Frauen im Hier und Jetzt diese Klugheit besäßen. George Sands Werben für die intellektuelle und erotische Selbstbestimmung finde ich sehr mutig. Solche Frauen waren die Wegbereiterinnen für ein neues Frauenbild, das leider noch immer nicht vollständig umgesetzt ist.

Fanny Lewald (1811-1889) war eine der ersten Berufsschriftstellerinnen. Sie kritisierte nicht nur die bürgerliche Mädchenerziehung, sondern setze sich auch für die weiblichen Arbeitskräfte der unteren Stände ein, die für wenig Geld in Fabriken und Haushalten arbeiteten, (S. 62). Eine ebenfalls kluge und dabei sozial engagierte Frau. Von solchen Frauen können wir alle heute noch lernen.

Das Buch endet übrigens mit dem Porträt Gertrude Steins. In ihrem Salon in Paris begründeten Matisse und Picasso ihre Freundschaft.

Wenn gebildete Menschen sich entspannt an Orten, die dazu einladen, begegnen, kann sich viel Bereicherndes für alle entwickeln, wie all die Beispiele im Buch zeigen. Die Voraussetzung ist der Wille positiv aufeinander zuzugehen und sich mit intellektuellen oder musischen Themen in aufgeklärter Runde ernsthaft auseinander zu setzen.

Alles setzt Gesprächskultur voraus. Diese ist in heutigen Zeiten offenbar zumeist nur noch rudimentär vorhanden. Menschen hören einander nicht mehr zu, weil ihr überbordendes Ego sie daran hindert. Es wird neuerdings zu viel gepöbelt, leider auch in angeblich gebildeten Kreisen. Das ist sehr bedauerlich. Alles deutet darauf hin, dass die emotionale und soziale Entwicklung von Menschen archaischen Mustern gewichen ist. Offenbar ist der Zenit der Zivilisation schon lange überschritten.

Empfehlenswert.

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Rezension Peter J. König: Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben, Sven Hannawald

Bei dem hier vorgestellten Buch aus dem Zabert-Sandmann-Verlag handelt es sich um die eindrucksvolle Biografie des Idols aller Skispringenthusiasten, Sven Hannawald. Zur Legende wurde dieser junge Mann aus dem Erzgebirge, da er als einziger Skispringer bisher, die Vierschanzentournee, also die Springen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen jeweils als Sieger in einer Saison feiern konnte. In der langjährigen Geschichte dieser Tournee ist dies bisher noch keinem Wintersportler gelungen. Dass dieser Erfolg und die damit verbundene Berühmtheit nicht nur unter größten Entbehrungen hart erkämpft, sondern auch von Sven Hannawald teuer bezahlt werden musste, davon erzählt das sehr informative Buch, das der außergewöhnliche Sportler mit Hilfe des Coautors Ulrich Pramann geschrieben hat.

Sven Hannawald, in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge geboren, hat die typischen Stationen der DDR Sportlerselektion durchlaufen. Schon als Schulkind nach seinen sportlichen Fähigkeiten herausgefiltert, wurde er frühzeitig in das System der DDR Kaderschmieden integriert. Dies bedeutete Energie, Leistung und Entbehrung auf sich zu nehmen, in der Hoffnung das gesetzte Ziel, als Spitzensportler einen beachtlichen Prestigegewinn für die DDR zu erreichen. Außergewöhnlich sind die Selbstdisziplin und die Kasteiung, die dieser junge Mann auf sich genommen hat, um ein Großer zu werden. 

Mit dem Fall der Mauer und damit einhergehend dem Ende der rigorosen Sportförderung des DDR Regimes schien Sven Hannawalds Karriere schon beendet, bevor sie begonnen hatte. Seinem Vater verdankt er es, dass er seine Ausbildung als Skispringer im Schwarzwald fortsetzen konnte. Dort in seiner zweiten Heimat war das Skiinternat Furtwangen ein wichtiger Meilenstein auf seinem Weg in die Spitze der deutschen Springerelite. Dort auch lerne er Martin Schmitt seinen Freund, Kumpel und Weggefährten zur Weltspitze kennen.

Aber wie bei allem im Leben hat auch dieser grandiose Aufstieg seinen Preis. Sven Hannawald bezahlt ihn mit schwersten körperlichen, mentalen und seelischen Strapazen, die nach seinem größten Erfolg sehr bald zu einem Burn-out-Syndrom führen sollten. Anstatt seinen Erfolg zu genießen, überkam ihn die große Leere. Aber Sven Hannawald wäre nicht Sven Hannawald, wenn er  diese Herausforderung nicht auch gemeistert hätte. Mit Hilfe einer Therapeutin und seinem starken Willen hat er es geschafft, sich aus dieser gefährlichen Situation zu befreien, um heute unbelastet sein Leben selbstbestimmt zu gestalten und die Früchte zu genießen, die er einst so entbehrungsreich gesät hat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Sportgrößen die abgestürzt sind, auf welche Weise auch immer, hat Sven Hannawald seinen Weg zurück ins Leben gefunden. Dieses anschaulich zu vermitteln, ist der eigentliche Wert dieses Buches. Dass der Leser dabei noch spektakuläre Bilder gezeigt und spannende Interna aus dem Leben von Sven Hannawald erzählt bekommt, macht die Lektüre nur kurzweiliger, als sie ohnehin schon ist, auch wenn man nicht unbedingt zu den eingefleischten Skispringfans gehört.

 Empfehlenswert 

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Rezension:Goethe - Kunstwerk des Lebens: Biografie Rüdiger Safranski

Das erste Gedicht von Goethe erlernte ich im 5. Schuljahr. Es handelte sich dabei um "Gefunden". Der Inhalt dieses Gedichtes faszinierte mich damals so sehr, dass ich mich drei Jahre später dazu entschied, mich in Rahmen einer Jahresarbeit in Deutsch mit dem Leben Goethes erstmals zu beschäftigen. Als Lektüre verwendete ich die Goethe-Biografie von Richard Friedenthal, die ich mir in den letzten Tagen ebenso aus meiner Bibliothek gezogen habe, wie diverse Bücher von Sigrid Damm, nicht zuletzt "Christiane und Goethe", zudem Sabine Appels "Im Feengarten" und zwei wichtige Bücher von Dagmar von Gersdorff ("Marianne von Willemer und Goethe" und "Goethes Mutter"), außerdem fast ein Dutzend Bücher zu Goethes Leben aus dem Schnell-Verlag und weitere Werke aus dem Insel-Verlag. Eine innere Stimme warnte mich spontan, konkrete Vergleiche vorzunehmen.

Was kann mir Safranski noch mitteilen, was all die Autoren vor ihm nicht schon berichtet haben, so fragte ich mich?

Um dies zu erkunden, habe ich das Werk gelesen und recht bald festgestellt, dass der Philosoph Safranski dem intellektuellen Goethe mehr Raum gibt als all die anderen Autoren, die bei der Goetheerkundung wohl mehr den psychologischen Hebel angesetzt haben. Goethe aber kann man letztlich psychologisch nicht wirklich ausloten, dazu hatte er ein zu komplexes Seelenleben. Eigentlich war er ja ohnehin ein absoluter Geistesmensch, ein Analytiker mit genialen Fähigkeiten, von einer inneren Weite, die man in ihren Dimensionen ohnehin nur im Ansatz erahnen kann.

Darauf reagiert Safranski und setzt dort den Hebel an, wo Goethes Stärke lag: im Denken.

Rüdiger Safranski hat sein Buch in 32 Kapitel untergliedert und breitet das Leben, Denken und Werk des großen Frankfurter Sohns so vielschichtig aus, wie ich es in keiner der vorangegangenen biografischen Beschreibung gelesen habe. Der Biograf geht in die Tiefe. Ein Beispiel dafür führe ich weiter unten an.

Zwar sind mir sehr viele Personen aus Goethes Leben bekannt, weil ich im Rahmen meiner 15 Weimar-Exkursionen immer wieder Bücher kaufte, die sich mit dem Personenkreis um Goethe befassen und außerdem Goethes Aufenthaltsorte besuchte, um nach Spuren von ihm zu forschen. Diese gibt es übrigens auch noch in Sesenheim.

Safranski steigt in Texte von Goethe ein und macht den Geistesmenschen auf diese Weise erfahrbar. Der Biograf zitiert Goethes Werke, auch Briefe und nutzt eine Fülle von Quellen, die er auflistet. Safranski hat diverse Biografien zu Goethe gelesen, u.a. auch jene von Friedenthal und zudem Primärtexte von Philosophen sowie Sekundärliteratur studiert, auch einige Bücher, die ich eingangs genannt habe.

Safranski kennt seinen Goethe und hält mit seinem Wissen nicht hinter dem Berg. Ich bin überaus beeindruckt und frage mich wie Goethe reagieren würde, wenn er wüsste, dass ihn jemand so gut kennt. Ich vermute er würde mit diesem Menschen ein Flasche Rheingauer Riesling oder einen fränkischen Steinwein trinken und ihn im Gegenzug heiter zu analysieren beginnen:-))

Natürlich werde ich die Biografie an dieser Stelle nicht zusammenfassend wiedergeben und ich werde, wie ich schon sagte, im Rahmen der Rezension auch keine direkten Vergleiche zu anderen Biografien herstellen. Das wäre vermessen und sollte Germanistikprofessoren überlassen bleiben.

Gefallen hat mir, dass zu Anfang eines jeden Kapitels für Insider erkennbar wird, worum es in dem jeweiligen Kapitel geht. Als Beispiel hierzu sind die Vorabinfos des Einunddreißigsten Kapitels:

 "West-östlicher Divan: Lebensmacht der Poesie. Islam. Religion überhaupt. Poet und Prophet. Was ist Geist? Glaube und Erfahrung. Die Anerkennung des Heiligen. Das Indirekte. Die Plotin-Kritik: der Geist in der Bedrängnis des Wirklichen. "Wilhelm Meisters Wanderjahre" als Probe aufs Exempel. "Die Sehnsucht verschwindet im Tun und Wirken". Prosa und Poesie im Streit. Warum eigentlich Entsagung?" (S.561).

Nicht grundlos habe ich die Kurzinformationen dieses Kapitels gewählt, denn hier lernt man etwas über Goethe und seine Fähigkeiten zu sublimieren kennen. Vielleicht konnte aus Goethe nur der werden, der er war, weil er in der Lage war, immer wieder zu entsagen. Entsagen machte sein dauerhaftes Sehnen möglich und verstärkte Goethes Kreativität ins Unermessliche.

Es stimmt, Goethe hat seine Freiheit schöpferisch gebraucht. "Er ist ein Beispiel dafür, wie weit man damit kommen kann, wenn man es als Lebensaufgabe annimmt, zu werden, der man ist" (Zitat Safranski: Seite 650).

Goethe ist einer der wenigen Menschen, der seinen Gaben gerecht wurde und das funktionierte meines Erachtens deshalb so gut, weil er wie kein anderer zu sublimieren in der Lage war. Spätestens nach 
Safranskis Biografie habe ich daran keine Zweifel mehr. 

Sehr, sehr empfehlenswert. 

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Goethe: Kunstwerk des Lebens

Rezension:Scheinweltfieber - Christine Kaufmann

"Letztendlich löst Schönheit in der Umgebung lauter schreckliche Sachen aus. Neid, Gier und Verwertungsgelüste. Bei der schönen Person selber sehr oft Angst." (Christine Kaufmann)-

In den letzten Monaten habe ich zwei Bücher, die Schauspieler geschrieben haben, angelesen und jeweils nach 50 Seiten zur Seite gelegt, weil ich keine Lust hatte, mich mit dem verbalisierten Narzissmus dieser Herren länger zu befassen. Beide Bücher waren keine 2 Amazon-Sterne wert. Aufgrund dieser Erfahrung habe ich das wunderbare Buch von Christine Kaufmann monatelang hier auf meinem Schreibtisch geparkt, bis ich mich endlich entschied, ein nächsten Versuch zu wagen. Welch eine kluge, analytische Frau! Welch eine Schreibbegabung!

Christine Kaufmann zählt zu den wenigen bildschönen, weiblichen Intellektuellen, die völlig uneitel ihr erfolgreiches Leben zu reflektieren in der Lage sind. Ihre Lebenserinnerungen bestehen nicht aus einer Aneinanderreihung von "da ham mer und da sin mer", sondern sie beleuchtet ihr Leben und Tun sehr kritisch und ist in der Lage ohne Neid, Missgunst über ihr Umfeld in Hollywood und anderenorts zu sprechen. Kern ihres Buches ist das Reflektieren des Wunsches, einer unbekannten Macht, Jugend, Schönheit und Begabung zu opfern, (vgl.: S.55).

Das Buch enthält eine Reihe von Fotos. Hier sieht man sie auch als Kinderstar sowie später mit ihrem einstigen Ehemann Tony Curtis und erhält eine visuelle Vorstellung von ihr und ihrer Aura, die sie zum Weltstar hat werden lassen.

Kaufmann schreibt über ihre Kindheit und ihren weiteren Lebensweg und stellt viele Überlegungen zur Scheinwelt in der Filmbranche an. Sie schreibt aber auch über das Verhalten der Medien und bringt es auf den Punkt, wenn sie im Hinblick auf diese konstatiert: "Das Entfernen bürgerlicher Werte ist aus meiner Sicht gefährlich", (Zitat: S.26) Wie recht sie doch hat. Sie weist jedoch zudem darauf hin, dass die Medien kein "Scheinweltfieber" verursachen, sondern es bloß anfachen. Kaufmann erlag diesem Fieber nie, wie sie festhält, (vgl.: S. 28). Das glaube ich gerne.

Als Schauspielerin musste sie, um glaubhaft zu sein Opfer bringen, Opfer der Disziplin und des Bloßstellens von Gefühlen und sie musste Kränkungen ertragen, musste sich öffnen, damit der Zuschauer mitfühlt, was die Figur fühlt, zu der sie im Film wird, (vgl.: S.30). Dies ist der Preis, der ein Star zahlen muss. Kaufmann denkt in der Folge über den bemerkenswerten Zusammenhang zwischen Schönheit und der Lust am Opfern nach, der offenbar auch in der normalen Bevölkerung vorhanden ist, und begründet diesen Zusammenhang gut nachvollziehbar.

Die Autorin schreibt über ihre Ehe mit Tony Curtis und sie hält resümierend fest: "Meine tiefen und anhaltenden Beziehungen waren nie bebildert. Ich weiß, dass Bilder zerstören können. Auf gewisse Weise können Geschichten in der Zeitung das Wirkliche zerstören, weil es der Liebe das Geheimnisvolle nimmt", (Zitat: S. 63). Sie schreibt außerdem entlarvend, aber ganz allgemein im Rahmen der Curtis-Analyse: "Ein Narziss kann nicht lieben. Der Narziss sucht den Spiegel. Das ist nicht nur so im Filmgeschäft. Nicht jeder Star ist ein Narziss und nicht jeder Narziss ein Star!" (Zitat. S.63).

 Die Autorin reflektiert immer wieder den Einfluss von Fotos, den sie für zutiefst lebensfeindlich hält. Sie geht sogar so weit anzunehmen, dass wir durch die Bilder das Sehen verlernt haben und nicht nur das, sondern das Leben obendrein. (vgl.: S.98ff) Kaufmann glaubt, dass einige einstige Filmstars deshalb schöner wirkten, weil sie die Aura des Unverkäuflichen hatten. Hier denkt sie an Audrey Hepburn und findet meine Zustimmung.

In den sechziger Jahren sei Schönheit lebensnah und lebensbejahend gewesen. Das habe sich mittlerweile geändert. Zudem würden Kriterien wie Schönheit und Können nicht mehr über den Erfolg einer Schauspielerin entscheiden, sondern Narzissmus und Seilschaften (vgl.: S.110). Das ist nicht nur in der Schauspielerei so, wie wir alle wissen.

Die Autorin schreibt auch über die "Kollateralschäden" des Ruhms, sprich die Promikinder und weiß, dass man die Promieltern entthronen muss, damit die Kinder psychisch gesund bleiben. Speziell narzisstische Väter schaden Kindern, hat sich Kaufmann in Fachbüchern kundig gemacht, (vgl.:S.175). Diese Gewichtung allerdings vermag ich nicht beurteilen.

Ich möchte nicht zu viel von dem Inhalt des Buches verraten, aber es sehr empfehlen und zwar allen, die einen Einblick hinter die Scheinwelt erhalten möchten. Gerne auch zitiere ich den letzten Satz im Buch "Die Kunst und ihr Schein... sind wichtig, weil sie uns an eine sonst vorbeifließende Wirklichkeit erinnern",(Zitat: S. 216). Dieser Satz verdeutlicht, dass Kaufmann sogenanntes Schwarz-Weiß-Denken fremd ist. Das macht mir diese schöne und dabei kluge Frau noch sympathischer.

Sehr empfehlenswert.

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Rezension:Georg Büchners Frauen: 20 Porträts (Gebundene Ausgabe)

Georg Weinbörners hervorragenden Roman "Georg Büchner-Das Herz so rot" möchte ich in den nächsten Wochen rezensieren, irgendwann unmittelbar vor Büchners Geburtstag. Vorab allerdings will ich Dr. phil. Jan-Christoph Hauschilds Werk "Georg Büchners Frauen" hier kurz zur Sprache bringen. Ein gelungenes Buch im Büchner-Jahr.

Der in Bochum geborene Philologe Dr. Hausschild porträtiert die Frauen in Büchners realem und literarischem Leben. Durch Weinbörners Roman waren mir die Damen aus dem realen Leben Büchners bereits vertraut. Die Frauen aus Büchners Werken kannte ich ohnehin bereits, da ich mich mit den Werken schon zu Studienzeiten intensiv befasste. Tolle Porträts, die ein wenig mehr über den jungen Büchner verraten, so mein Gesamteindruck. 

Wissen sollte man, dass der Vormärz-Schriftsteller im Alter von nur 23 Jahren verstarb und seine Frauenbetrachtungen und möglichen Affinitäten aus diesem Alter heraus zu beurteilen sind. Ich denke, dass man bei einem so jungen Mann rein überhaupt noch nichts in dieser Beziehung beurteilen kann, weil Männer in diesem Alter Wechselbädern der Emotionen und Hormone unterliegen.

Wie auch immer, die Porträts waren für mich spannend zu lesen, da ich meine frühe Kindheit in Goddelau, dem Geburtsort Büchners verbrachte und diverse Nachfahren von einer Frau (Louise Reuss, Büchners Großmutter), die hier porträtiert wird, nach wie vor in Riedstadt leben. Büchner ist für viele Goddelauer noch heute ein rotes Tuch und noch immer wird seinem Ruf geschadet. Aufklärung ist angesagt. Dieses Buch leistet einen guten Beitrag dazu. 

Gefallen hat mir, dass Goethes Jugendliebe Friederike Brion auch porträtiert wurde. Der Zusammenhang zu Büchner ist durch dessen "Lenz" gegeben. In sie hätte sich Büchner gewiss auch verliebt. 

Wie hätte sich Büchners Frauenbild dargestellt, wenn er länger gelebt hätte, wie wäre er mit Frauen umgegangen? Ich denke nicht, dass man von dem 23 jährigen auf einen zukünftigen Büchner schließen kann. Menschen verändern sich ständig und Menschen, die bereit sind zu lernen, umso mehr. Büchner gehörte zu den besonders Lerneifrigen und ist insofern wenig einschätzbar, was seine Entwicklung betrifft und dies übrigens nicht nur, was Frauen anbelangt.

Empfehlenswert.

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Rezension:Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt (Broschiert)

Johannes Daniel Falk hat zu Goethes Zeiten ein bemerkenswertes Buch verfasst, das Goethefreunde noch heute mit viel Neugierde lesen werden. In seinen Texten- es sind Erinnerungen an die Goethezeit-, die 1826, noch zu Goethes Lebzeiten, veröffentlicht wurden, werden dem Leser nicht nur die die gesellschaftlichen Gepflogenheiten jener Tage nahe gebracht, sondern auch charakterliche Beschreibungen, so etwa von Goethes Mutter und natürlich auch von ihrem großen Sohn.

Falk versucht Goethe sowohl als Mensch und Künstler zu charakterisieren, skizziert dessen Ansichten zur Natur und zu Wissenschaften und beschreibt Goethes Humor, bevor er sich zu Goethes Verhältnissen zu Persönlichkeiten seiner Zeit und zu Urteilen über sie auslässt.

Zu den besagten Persönlichkeiten zählen u.a. der Herzog von Weimar, Lessing und Heinrich von Kleist, Lenz, Klinger Herder, Wieland, aber auch von Kotzebue.

Auf Seite 43 bringt der Autor es auf den Punkt: Mit Untersuchungen über Zeit, Raum, Geist, Materie, Gott, Unsterblichkeit mochte sich Goethe nur wenig befassen. Nicht etwa, dass er höhere Wesen, als wir sind, ableugnete. Keineswegs; nur blieben sie ihm fremd, weil sie außer dem Reiche aller Erfahrung liegen, dass ihn, seiner Maxime getreu, ganz ausschließlich anzog und beschäftigte." (Zitat S. 43).

Goethe war ein achtsamer Beobachter und Analytiker seines Jetzt zeigt die Charakterisierung Falks und entsprechend gestalteten sich seine Verhältnisse zu seinen Zeitgenossen: Realistisch.

Empfehlenswert.

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Rezension:Der neunte Ton: Gedanken eines Getriebenen

Der Musiker Peter Maffay hat mit "Der 9. Ton" ein überaus nachdenkliches Buch geschrieben, das anstelle eines Klappentextes ein Zitat von ihm enthält. Weil ich das Zitat sehr gut finde, möchte ich es zu Anfang meiner Rezension wiedergeben: "Die Tonleiter hat acht Töne, der neunte Ton ist der gute Ton. Er steht für das Miteinander, für Begeisterungsfähigkeit und Selbstvertrauen. Wenn wir alle diesen Ton beherrschen wie Musiker in einem Orchester, können wir Perspektiven für eine Gesellschaft erzeugen, in der Vielfalt und Dialog selbstverständlich sind. Der neunte Ton ist eine nie endende Herausforderung, eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen, und dazu gibt es keine Alternative."

 Der Gedanke lässt bereits erahnen, dass in diesem Buch keine Selbstdarsteller uns mit Geplauder aus der Bussi-Gesellschaft auf die Nerven gehen möchte, sondern dass hier ein Mensch mit Tiefe ein humanistisches Anliegen hat. Blättert man vorm Lesen im Buch, hat man Gelegenheit eine Anzahl von Schwarz-Weiß-Bilder zu betrachten und handschriftliche Sentenzen von Maffay zu lesen. Zwei Bilder aus seiner Jugend in den 1960er Jahren stehen am Anfang und schon ist man im Hier und Heute, wird mit vielen Kinderbilder konfrontiert, auch mit einem Foto, dass den Autor mit dem südafrikanischen Erzbischof Desmond Tutu zeigt, wenig später ein weiteres bei einer Audienz mit Papst Benedikt XVI. und schließlich den Sänger bei der Andacht in seiner Kapelle auf Mallorca, dem erneut ein Kinderbild folgt.

 Jedes Kapitel beginnt mit einer Sentenz. Zuallererst steht da der Satz: "Denn wenn es irgendetwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt, ist dass man wirklich liebt." Das sehe ich genauso, denn Lieblosigkeit hat immer nur Leid zur Folge.

Maffay berichtet von seiner Kindheit in Rumänien, von den klaren Wertvorstellungen seiner Eltern, seinem Vater, der sich gegen das totalitäre Regime dort damals widersetzte, der verhaftet und gefoltert wurde und der aufgrund seiner Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit bis zum heutigen Tag sein Vorbild ist. Maffay berichtet weiter von der Ausreise der Familie aus Rumänien nach Deutschland und dem Neustart. Dann aber schwenkt er sogleich ins Jetzt und ist mit seinen Gedanken bei seinem Sohn, mit dem er gemeinsam mit seiner Frau auf Mallorca lebt, wenn er nicht gerade aufgrund seiner vielen Aktivitäten weltweit unterwegs ist. Er schreibt auch von der Kapelle, die er dort auf seinem Anwesen vor einigen Jahren errichtet hat und seiner Beziehung zum Glauben.

Für ihn ist das Prinzip der Nächstenliebe das wichtigste Gebot. Diesen Begriff reflektiert er zunächst, denn er ist die Grundlage für sein humanistisches Engagement. Wie er nicht grundlos festhält, setzt Nächstenliebe voraus, das man sein Gegenüber so akzeptiert wie es ist, mit all seinen Fehlern und Schwächen. Man muss Kompromisse schließen können, Toleranz üben und erkennen, dass wir "unabhängig von unserer Herkunft, unserem gesellschaftlichen Status, unserer Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung auf einem begrenzten Raum zusammen leben müssen." (S.22).

Wohl wahr. Maffay räumt ein, dass es auch für ihn nicht immer leicht ist, die innere Balance zu finden, um auch im täglichen Miteinander stets seinem inneren Anspruch im Hinblick auf Toleranz und Nächstenliebe gerecht zu werden.

Der Sänger unterstützt benachteiligte Kinder auf vielfältige Weise, sieht darin seine Verpflichtung. Er gibt etwas zurück als Dank dafür, was er bekommen hat. Er schreibt, dass täglich weltweit 10. 000 Kinder an den Folgen von Hunger, Krieg, Armut und sozialer Ungerechtigkeit sterben und hebt hervor, dass unsere Wertvorstellungen nicht weiter wirtschaftlichen Interessen geopfert werden dürfen.

Der Autor erzählt von seinem kleinen Sohn, wie dieser Empathie schon im zarten Alter lebt, indem er für eine winzige, herrenlose Katze Verantwortung übernommen hat. Mitgefühl heißt letztlich Verantwortung zu übernehmen. Peter Maffay übernahm Verantwortung schon früh und gründete schließlich eine Stiftung. Seine Aufgabe sieht er seither darin, traumatisierten Kindern zu helfen.

Das Ferienhaus der Stiftung befindet sich im Norden Mallorcas, nicht weit von seinem Wohnhaus entfernt. Dort nutzen haben in den letzten zwölf Jahren 8000 Kinder den Ort für kostenlose therapeutische Ferienaufenthalte nutzen können. Viele dieser Kinder sind ihrer Kindheit beraubt worden und wurden zumeist von erwachsenen Mitgliedern der Gesellschaft verletzt.

Maffay reflektiert gesellschaftliche Missstände und sagt zutreffend: "Das eigentliche Problem ist, dass die Menschen in unserer Gesellschaft zunehmend egoistisch und selbstverliebt werden. Leider ist dies auch eine Folge der Globalisierung, " (S.40).

Der Autor berichtet von anderen engagierten Musikern, nicht zuletzt von Wolfgang Niedecken und Udo Lindenberg, schreibt von seinen Freunden und Weggefährten und dass seine Band ein Teil seiner Familie, letztlich sein spezieller Schutzraum sei. Die Musik schenkt ihm Kraft und Inspiration und ist für ihn das perfekte Medium, sich auszuleben und seine Vorstellungen und Gefühle zu kommunizieren.

Man staunt, mit wie vielen Persönlichkeiten sich Maffay aufgrund seines sozialen Engagements weltweit getroffen hat, welche Freundschaften entstanden sind und wie sehr er den Begriff "Freundschaft" überdacht hat. Er pflegt seine Freundschaften ähnlich wie Frank Elsner, den er auch als Mensch sehr schätzt. Maffay hat im Laufe seines Lebens immer wieder Kontakt mit Politikern. Es sind Politiker wie Willi Brandt und Joachim Gauck, die er besonders hervorhebt, Politiker mit sozialem Engagement und zentralen Botschaften im Hinblick auf Mitmenschlichkeit.

Doch ich möchte nicht über all die interessanten Begegnungen über die Maffay im Buch berichtet, hier schreiben, sondern nur zusammenfassen, dass es sehr interessant ist, zu lesen, was die Begegnungen mit bestimmten Menschen aus Maffay hat werden lassen. Friede und Mitmenschlichkeit sind die Werte, für die dieser Mann sich einsetzt und für die er seinen Bekanntheitsgrad nutzt. Dabei denkt er sehr ökologisch und lebt sein Denken, hat seine Herkunft nicht vergessen und bringt es einfach auf den Punkt, wenn er sagt, dass wir alle Hass und Dummheit überwinden müssen und den 9. Ton zum 11. Gebot machen sollten. Zur Erinnerung: Der neunte Ton steht für das Miteinander, für Respekt, für Begeisterungsfähigkeit und Selbstvertrauen.

 Empfehlenswert. 


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Rezension:Pirouetten des Lebens: Erinnerungen (Gebundene Ausgabe)

"Jeder Eisläufer ist so gut, wie er seine Seele offenbart, sonst wird er keine Faszination beim Publikum auslösen." (M. Kilius) 

Gewundert habe ich mich nicht, dass die Lebenserinnerungen der Spitzensportlerin Marika Kilius im Integral-Vèrlag erschienen sind, denn ich hatte bereits anderenorts gelesen, dass sich die Frankfurterin mit spirituellen Fragen beschäftigt.

 Die tanzende Eisprinzessin Marika Kilius habe ich als Kind in den frühen 1960ern im Fernsehen bewundert und freute mich, wenn sie mit ihrem Eisprinzen auf dem Siegertreppchen stand. Die Sportlerin hatte und hat eine ganz ungemein positive, sympathische Aura. Deshalb auch fanden bereits Kinder Zugang zu ihr. Ihr Name bereits zaubert ein Lächeln auf meine Lippen, denn sofort sehe ich sie im Geiste strahlend Pirouetten drehen.

Im vorliegenden Buch hat man Gelegenheit auf 14 Seiten Fotos von ihr kennenzulernen. Marika Kilius war ein süßes Baby mit großen. freundlichen Augen, ein sehr hübsches Kind, ein bezauberndes Mädchen und sie ist bis heute eine wirklich schöne Frau geblieben.

Folgt man ihren Gedanken, so ahnt man, was sie vermutlich sagen würde, wenn man sie nach ihrer Schönheit befragte: Um ihr Karma zu erfüllen, sei die Schönheit als Gabe der Natur für sie ebenso vorbestimmt gewesen, wie ihr Charme und ihr eiserner Wille, ihr Fleiß, ihre sportliche Begabung, aber auch ihre ehrgeizige Mutter. Diese habe sie genau wie ihre Schönheit bewusst gewählt, um ihren Weg gehen zu können etc.

 Marika Kilius ist kein Opfer, sondern eine Macherin, die viel gibt und nicht nur nimmt.

Ich bewundere Frauen wie Marika Kilius aufgrund ihrer eisernen Disziplin und ihres Willens, ihre Gaben vollständig auszuleben und freue mich, wenn bei Menschen Leistungsbereitschaft von Erfolg gekrönt wird. Marika Kilius eignet sich als Vorbild für leistungsbejahende Menschen, das wird spätestens durch dieses Buch deutlich.

 Auf den letzten Seiten hat der Verlag eine Auswahl ihrer Auszeichnungen und sportlichen Erfolge aufgelistet. An der Vielzahl der Ehrungen kann man bereits erkennen, dass hier der Zufall keine Rolle spielte, sondern Können gepaart mit harter Arbeit die Voraussetzung für den jahrelangen Medaillenregen waren

 Gleich zu Beginn erfährt man, weshalb ihre Mutter ihr den Namen Marika gab und in welche Fußstapfen sie treten sollte. Die Eltern unterstützten das Kind von Anfang an in seinem Werdegang, seelisch und finanziell. Die kleine Marika lief zunächst Rollschuh, bei dem die Auflage durch die vier Rollen übrigens breiter ist als beim Schlittschuh. Er sei schwieriger zu "fuß" zu haben als der Schlittschuh, bei dem es auf die Balance ankommt, (vgl.: S.29).

 Die Autorin schreibt über ihre gesamte Sportkarriere und ist sich sicher, dass diese nur deshalb so erfolgreich war, weil sie in einem Vorleben bereits stark kreativ körper- und bewegungsorientiert war, (vgl.: S.40).

 Man lernt ihre Partner im Sport und in der Liebe kennen. Dabei hat mir gefallen, wie wohlwollend sie in der Retrospektive über alle spricht. Dieses entspannte Verhältnis gegenüber ihren Mitmenschen scheint eines ihrer Geheimnisse zu sein, jung zu bleiben. Natürlich hält auch das Eis frisch. Das sagt sie selbst.

Marika Kilius schreibt in ihrem Buch über die Magie des Sports, über die Figuren auf dem Eis, auch über die sogenannte Todesspirale: "Das Gefühl in der Todesspirale fand ich stets atemberaubend. Man muss sich trauen, sich nach hinten zu legen, während man gleichzeitig ins Knie geht. An den Armen wird man zum Partner gezogen, die Beine ziehen nach außen- und das alles ohne eigenen Halt. Das ist schon ein tolles Gefühl!"

 Irgendwo habe ich heute gelesen, dass das Risiko die neue Sicherheit sei. Marika Kilius hat früh schon mit dem Risiko Freundschaft geschlossen und wurde im Ergebnis dafür vom Leben reich belohnt. Das Publikum lag ihr zu Füßen, wegen ihres Muts und ihres Könnens haarscharf an die Grenzen des Machbaren zu gehen und diese mitunter zu überwinden. Das hat aus der Prinzessin irgendwann eine Göttin auf dem Eis gemacht.

Es ist interessant ihren Lebensweg zu verfolgen und zu sehen, wie sie mit ihren Erfolgen umgegangen ist, was später dann für sie an Bedeutung gewann. Ihre geistige Nähe zu Professor Werner, ihre liebevolle Beziehung zu Menschen und Tieren und ihre demütige Haltung dem Leben gegenüber, zeigen, dass diese Frau sich dem Guten verpflichtet hat und deshalb auch von so vielen geliebt wird.

 Ein tolles Buch.

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