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Rezension: Vom Einfachen das Beste- Franz Keller- Westend

Franz Keller, der Autor dieses äußerst klugen Buches, zählt zu den renommiertesten Sterneköchen in Deutschland. Dass der Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann das Vorwort zu diesem Werk schrieb, wundert keinen, der je bei Franz Keller gespeist hat.

Den Leser erwartet auf den 240 Seiten ein Mix aus Lebenserinnerungen und Lebensphilosophie, daneben politische und gesellschaftliche Betrachtungen und eine Menge Sachwissen aus dem kulinarischen Bereich.

Franz Keller tut es in der Seele weh, wenn er den Niedergang unserer Ess- und Kochkultur in den letzten Jahrzehnten beobachtet. Ihm ist bewusst, dass wir dabei sind, unsere Zeit zum Kochen und für eine vernünftige Ernährung wegzurationalisieren. Dass dies Folgen hat, wird an den Kosten erkennbar, die aufgrund von falscher Ernährung für unser Gesundheitssystem anfallen. Mittlerweile nämlich betragen diese Kosten jährlich rund siebzehn Milliarden Euro.

Für den Spitzenkoch gehören Essensqualität und Lebensqualität zusammen. Deshalb auch hat ihn seine Vita zu dem gemacht, was er heute ist: ein Mensch, der durch seine Tätigkeit glaubhaft bekundet, wie ernst es ihm mit seinem Nein im Hinblick auf industrielle Nahrungsmittelproduktion ist, weil diese den Respekt vor Tieren und Pflanzen verloren hat und uns alle letztlich krank macht.

Der gebürtige Freiburger Autor erzählt von seiner Kindheit in den 1950er Jahren, wo er im elterlichen Betrieb mit den Tieren, den Reben, dem Boden in einem sehr überschaubaren, gut funktionierenden Verwertungskreislauf lebte. Das war damals nichts Ungewöhnliches.

Heute allerdings verbannen die meisten Menschen die Nutztiere aus ihrem Leben in riesige Zucht-, Mast- und Schlachtbetriebe. Dabei, so Keller, werden die Lebens- bzw. Produktionsbedingungen, die diese Tiere erleiden müssen, bewusst unserer Alltagswahrnehmung entzogen.

Man erfährt im vorliegenden Buch wie es einst zuging auf Schlachtfesten in Oberbergen am Kaiserstuhl, wo er seine Kindheit verbrachte und erkennt sehr rasch, dass es dem Autor gelungen ist, den Kreis zu schließen, der Erfahrungen aus all seinen Lebensperioden enthält.

Für den Sohn aus einem landwirtschaftlich angelegten Betrieb am  Kaiserstuhl und heutigen Besitzer des Falkenhofs im Taunus gilt: Ein Schwein muss zwei Winter gesehen haben und es darf fett werden, ansonsten ist es einfach nur eine arme Sau.

Franz Keller möchte mit seiner Publikation bewirken, dass die Leser anfangen nachzudenken. Dabei geht es ihm darum, dass wirklich jeder Einzelne ins Grübeln kommt und sich die Frage stellt: "Was kann ich tun, damit diese Welt wenigstens hier bei uns durch mein konkretes Handeln besser wird?"  Was das im Einzelnen bedeutet, kann man dem Buch entnehmen und sich auch klar machen, dass die Preispolitik bei Lebensmitteln nach wie vor von der Billigphilosophie bestimmt wird, jedoch nicht von der Qualitätsstrategie.

Der gebürtige Badener bezeichnet sich als Genussmensch und ist als solcher seit Jahrzehnten dem echten Genuss auf der Spur. Es ist ungemein spannend seine Vita kennenzulernen, zumal er offen über den Konflikt spricht, den er mit seinem erfolgreichen, aber leider ziemlich despotischen Vater hatte, wie so viele Söhne aus jener Zeit. Dass seine Mutter als erste Frau in Deutschland im Jahre 1969 mit einem Michelin-Stern für den "Schwarzen Adler" in  Oberbergen/Kaiserstuhl geehrt wurde und das, obschon sie niemals eine Kochlehre absolviert hatte, zeigt, dass die Gabe exzellent kochen zu können, offenbar bei Franz Keller genetisch bedingt ist.

Während er von seinem Vater, dem Winzer und Weinimporteur, viel über französische Weine erfahren hat, lernte er von seiner Mutter eine Menge Wissenswertes über das Kochen. Seine Kochlehre absolvierte er allerdings in der "Zähringer Burg" in Freiburg. Wie es dann weiterging und wie Franz Keller schließlich bei der Kochlegende Paul Bocus tätig werden konnte, was er von ihm erlernt hat und wie es dazu kam, dass er trotz seiner vielen Ehrungen als Küchenchef des "Schwarzen Adlers" in Oberbergen sich dazu entschied, ein eigenes Lokal in Köln zu eröffnen, zeigt,  dass man für Abnabelungen mitunter  einen hohen Preis zahlen muss. Doch die Freiheit gibt es nicht gratis, auch nicht für einen Spitzenkoch.

Franz Keller schreibt von seinen materiellen Schwierigkeiten in seinem Kölner 2 Sterne-Restaurant, sieht sich aber nicht als Opfer des geldschluckenden Spektakels, sondern als Mensch, der gelernt hat, den Wettstreit um die beste Küche als Wettstreit um Investoren und das beste Image in Frage zu stellen.

Der Höhen und Tiefen durchlebt habende Macher schreibt auch von seinen Erfahrungen auf der "Bühler Höhe", wo er als Küchenchef und Gastronomiedirektor der bestbezahlte Koch Europas war. Doch auch diese war nur eine Station zu weiteren Erkenntnissen bis er irgendwann zu Beginn der 1990er Jahre die "Adler Wirtschaft" in Hattenheim/Rheingau eröffnete und dem Sternenhimmel bewusst den Rücken zuwandte. Seit dieser Zeit stand für ihn neben Kochen und Betreuen der Gäste das Thema artgerechte Haltung und die Auswahl der Überwachung von Produzenten, Züchtern und Handel im Mittelpunkt.

Der Schritt vom Gastronom zum Bauern war nur logisch konsequent. Dabei besteht der Unterschied zwischen den Tieren von Franz Keller und denen aus der Massentierhaltung im Entwicklungs- und Reifeprozess. Das Fleisch vom Falkenhof gibt es nur in wenigen Restaurants und in der Adler Wirtschaft, die inzwischen Franz Kellers Sohn betreibt. 

Über den Falkenhof im Wispertal  liest man im letzten Teil des Buches viel Wissenwertes und hier auch wird Franz Keller in seinen Überlegungen besonders systemkritisch. Er spricht Klartext. Das zeigt welch ausgereifte Persönlichkeit er ist.

Zum Schluss gibt es noch einige gute Rezepte ohne die üblichen Hochglanz-Food-Fotos und hervorragende Betrachtungen auf dem Weg zu einer ehrlichen Küche. 

Bleibt festzuhalten: Dies ist ein sehr gutes, zum Nachdenken anregendes Buch, verfasst von einem  bewussten, lebensklugen  Menschen, der aufgrund von Eigenerfahrung und viel Sachwissen seinen Lesern wirklich Erhellendes vermitteln kann.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Vom Einfachen das Beste: Essen ist Politik oder Warum ich Bauer werden musste, um den perfekten Genuss zu finden

Rezension Peter J. König: Über Mut, Verantwortung und Kraft der Träume-SCHIMON PERES-S. Fischer

Dieses äußerst lesenswerte Buch, erschienen im S. Fischer Verlag ist die letzte Publikation des Mannes, der wie kaum ein zweiter seine ganze Kraft, lebenslänglich für das Land Israel und seine Menschen eingesetzt hat,-#Schimon_Peres-. 

Gestorben im Jahre 2016 hat der 93jährige ein Leben mit vielen Entbehrungen, Enttäuschungen, aber überwiegend kaum vorstellbarer politischer Erfolge gelebt, das ihn vom einem kleinen Ort namens Wischnews im damaligen Polen, mehrfach in die höchsten Staatsämter im neu entstandenen Staat Israel geführt hat, anfänglich als engster Vertrauter und Mitarbeiter des Staatsgründers Ben Gurion. Zuvor war seine Familie 1934 nach Palästina ausgewandert, wo er unter sehr entbehrungsreichen Bedingungen in einem Kibbuz sowohl die Schule absolvierte, aber noch viel prägender das Leben in der Gemeinschaft auch unter der Bedrohung durch palästinensische Bauern erleben musste. Diese sahen in der Kibbuz-Bewegung den Verlust ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat. 

Noch vor der Gründung des Staates Israel lernte er als Vertreter seines Kibbuz bei den regelmäßigen Treffen der zionistischen Bewegung den späteren Staatsgründer und Visionär Ben Gurion kennen, der in Perez auf Anhieb einen jungen, engagierten Gleichgesinnten sah, der sich ganz für die jüdische Sache einsetzte und wie er der Überzeugung war, dass die in Europa verfolgten Juden nur in einem neu zu gründenden jüdischen Staat ein neues Zuhause finden würden. Die Voraussetzungen dazu waren alles andere als sicher und praktikabel, da die Protektoratsmacht Großbritannien nicht bereit war ein selbstständiges Israel zu akzeptieren. 

In dieser Phase entstand der jüdische, militante Widerstand gegen die Briten in Palästina. Erst mit der Gründung des Staates und der Anerkennung durch die Vereinten Nationen haben die englischen Truppen das Land verlassen, worauf unmittelbar nach der Verkündung des jungen Israel ein erster Angriff der Nachbarstaaten Syrien, Jordanien und Ägypten erfolgte, der aber nicht das gewünschte Ziel erreichte, den Staat Israel von der Landkarte auszuradieren. 

Schimon Perez, der später Verwaltungswissenschaften an der Harvard Universität studiert hat, wurde gleich zu Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den arabischen Nachbarn von Ben Gurion mit der Verteidigung des Landes beauftragt, obwohl er nie eine militärische Ausbildung absolviert hat. Zuvor war er in die Knesset, dem israelischen Parlament gewählt worden, um dann schließlich im Jahre 1959 stellvertretender Verteidigungsminister zu werden. Gemäß seiner Grundeinstellung hat der begnadete Analytiker sich nie davor gescheut, auch die unmöglichsten Problemstellungen anzupacken, immer letztendlich von dem Gelingen überzeugt zu sein. 

Dies hat er in den immer wiederkehrenden, kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten bewiesen, aber noch viel entscheidender bei dem Versuch endlich Frieden im Nahen Osten zu schaffen. Welche vielfältigen und fast aussichtslosen Bemühungen Perez dabei nicht gescheut hat, davon erzählt er selbst sehr ausführlich. Kein Politiker in Israel hat so viele Ministerämter inne gehabt, zumal Perez auch viermal Ministerpräsident des Landes war und schließlich mit über 80 Jahren auch noch Staatspräsident wurde. 1994 hat er den Friedensnobelpreis für die Aussöhnung um den Frieden in Nahost erhalten

Aber was viele nicht wissen, und davon erzählt Perez hier ganz im Detail, ist, dass er es war, der Israel von einem armen Agrarstaat zu einem weltweiten Zentrum von Hightech und Innovation gepusht hat, mit technischen Entwicklungen sowohl im militärischen, aber noch weitaus mehr im zivilen Bereich, sei es in Medizin- oder Robotertechnik, aber auch bei der künstlichen Intelligenz. Israel gilt heute als eines der führenden Länder in Sachen Startups, gleich hinter Silicon Valley. Auch hat Perez die Franzosen überzeugen können, dass sie ihr Wissen und ihr Können im Bereich nuklearer Kenntnisse mit Israel teilen, für zivile Zwecke, aber auch für die Entwicklung von Atombomben, was offiziell nie bestätigt wurde, aber was letztendlich zur atomaren Abschreckung geführt hat und höchstwahrscheinlich zum Überleben des Staates Israel.

Das Buch zeigt deutlich, Schimon Perez war ein ganz außergewöhnlicher Mensch, ein Mann von höchster Intelligenz und großem Weitblick, neugierig und allem Wissen zugetan, dabei aber auch ein echter Menschenfreund, der mehr als verlässlich war, sowohl in der Politik, als auch in seinem Privatleben, seiner Frau und seinen Kindern gegenüber, ebenso seinen Freunden, die er in einer großen Vielzahl besaß. Ohne diese wäre es kaum möglich gewesen, so viel in seinem politischen Leben zu bewegen. 

Wenn er auch nicht immer das Gewünschte erreicht hat, Israel hat ihm unendlich viel zu verdanken, obwohl sein größtes Ziel, das friedliche und gedeihliche Zusammenleben mit den arabischen Nachbarn nur zum Teil erreicht worden ist. Und was Schimon Perez nie von sich selbst gesagt hätte, seine Erzählungen hier über sein Leben zeigen es eindeutig, er war zweifelsohne eine der herausragendsten Persönlichkeiten der neueren Geschichte.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

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Mein Leben für Israel: Über Mut, Verantwortung und die Kraft der Träume

Rezension: Der Vorhang fiel- Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen- Gerti Michaelis Rahr

Die mittlerweile 96 jährige Künstlerin Gerti Michaelis Rahr erzählt im vorliegenden Buch ihre ereignisreiche Lebensgeschichte. 1921 wurde sie in Stettin/Westpreußen geboren und lebt heute unweit von Leutkirch im Allgäu. 

Bereits als Kind erhielt die spätere Ballettmeisterin Tanzunterricht. Sie hatte Glück, denn ihr Vater war ein musikalisch veranlagter Mensch, wie sie schreibt und förderte ihre Begabung. Erzogen wurde sie liberal, besuchte – was damals für Mädchen noch unüblich war- das Gymnasium und engagierte sich im Gegensatz zu ihren Mitschülerinnen nicht im "Bund Deutscher Mädchen (BDM)" sondern hatte fast ausschließlich Ambitionen für ihre künstlerische Tätigkeit. 

Als 19 jährige verlegte sie ihren Wohnsitz nach Weimar, wo sie sich in der dortigen Musikhochschule als Gasthörerin eintrug. Ihr Theaterengagement am Weimarer Nationaltheater ließ es nicht zu, alle Fächer belegen zu können. Die Autorin berichtet davon, dass der konstant klassische Spielplan dort ein Höchstmaß an tänzerischer Technik und Ausdruck abverlangte. Dabei war das Weimarer Nationaltheater offenbar immer ausverkauft und das fünfundsiebzig Mann starke Staatsorchester beflügelte Gerti, zu bis dahin nicht gekannten Leistungen. 

Nicht unerwähnt lässt die Autorin, dass das Nationaltheater Weimar neben dem Nürnberger Opernhaus sowie der Bayreuther Oper zu Hitlers Lieblingsbühnen zählten. Trotz dieser Tatsache, sei er während ihrer Spielzeit in Weimar aber nicht aufgetaucht. Sie lernte allerdings eine Reihe anderer hochrangiger Nazis in Weimar kennen unter anderem die Frau des Lagerkommandanten von Buchenwald, die berüchtigte Ilse Koch-, deren dissoziale Persönlichkeit mehr als nur schockierend war. 

Gerti Michaelis Rahr erzählt von ihren Eindrücken damals,  auch von ihrer Zeit am Theater in Guben und vom Kennenlernen ihres ersten Mannes,  dem ungarischen Diplomaten Andreas Török von Szendrö, der zu diesem Zeitpunkt auf Schloss Bärenklau in Guben lebte, weil die ungarische Gesandtschaft und das Konsulat dort einige Räume angemietet hatte. 

Was zunächst ein wenig nach Märchen klingt, spitzt sich in der Folge allerdings immer mehr zu einem Drama zu, denn diese Liebesgeschichte war an viel Leid gebunden, das von außen auf die beiden einstürzte. Gerti musste wie all ihre weiblichen Theaterkolleginnen Ende des Krieges  in einer Munitionsfabrik arbeiten. Sie berichtet von der Grausamkeit der Nazis selbst kriegsgefangenen Kindern gegenüber und von der Drohung, die ihr widerfuhr, ins Arbeitslager geschickt zu werden, wenn sie weiterhin Mitgefühl gegenüber diesen Kindern an den Tag legen würde. 

Ihr weiteres Schicksal führt sie nach Berlin und von dort nach Dresden, wo ihre Mutter und ihre Schwester, die Bombennächte des Februars 1945 überlebt hatten. Die Autorin beschreibt, was sie in dieser zerstörten Stadt sieht, während sie ihre Angehörigen sucht.“Die Menschen (…) erstickten, verkohlten, schrumpften zusammen. Zum Teil konnte man erst nach Tagen die überhitzten Keller von außen öffnen und die Leichen auf den Trümmern überdeckten Straßen platzieren.Der Anblick brachte mich immer wieder an den Rand der Ohnmacht“. 

Ihre Mutter und ihre Schwester will Gerti in einem Häuschen außerhalb Berlins unterbringen. In Berlin üben mittlerweile die Tataren Rache dafür, was die Deutschen den Russen angetan hatten, vergewaltigen Frauen und verwüsten die Stadt.

Gerti, die einen gefälschten, ungarischen Pass besitzt und als Ehefrau von Andreas gilt, wird von den marodierenden Soldaten in Ruhe gelassen, doch wird sie nach Kriegsende mit ihrem späteren Ehemann in ein Internierungslager in die Nähe von Moskau verschleppt. 

An ein freies Leben und an Aufbau ist für sie nach der Kapitulation demnach nicht zu denken. Sie bangt erneut um ihre Zukunft. Auch von ihren Eindrücken damals und jenen, die sie später in Ungarn sammeln konnte, schreibt sie packend, sogar, dass man sie in Ungarn des Landesverrates verdächtigt hat. 

Die Herkunft ihres Mannes ist nun im kommunistisch gewordenen Ungarn alles andere als ein Vorteil.  Gerti, die 24 jährige, faktisch noch unverheiratete Künstlerin befindet sich in einem fremden Land, deren Sprache sie nicht spricht und berichtet, was sich dann in der Folge ereignet, schreibt von ihrer Eheschließung, von der Geburt ihrer beiden Kinder, den Schikanen der örtlichen Parteizentrale und ihrer Tätigkeit als Ballettmeisterin in Ungarn, die ihr einige schwierige Prüfungen abverlangte. Mit einer beachtlichen Dissertation in Französisch und Ungarisch erlangte die Künstlerin das Diplom "Pädagogin und Ballettmeisterin für klassisches Ballett und ungarischen Volkstanz", der dem Titel einer Professorin entsprach. 

Sie schreibt von ihrer erfolgreichen, beruflichen Tätigkeit, schreibt aber auch von den vielen Schattenseiten in ihrem Leben in Ungarn, dem Aufstand des ungarischen Volkes im Jahre 1956 gegen das kommunistische Regime und der Tatsache, dass es damals für sie und ihre Familie keine Fluchtmöglichkeiten gab. 

Erst 1963 kommt sie nach Deutschland zurück und wieder steht ihr und ihrer Familie ein Neuanfang ins Haus. Erneut sind die Herausforderungen riesig, erneut geht Gerti ihren Weg und lernt, nach dem Tode ihres Gatten, einen anderen Mann kennen, mit sie entspanntere Zeiten erlebt, die man beinahe als Ausgleich für das, was zuvor über sie hereingebrochen ist, begreifen könnte. 

Wann stehen Beziehungen unter einem guten einem guten Stern? Wenn man an Bürden, die man gemeinsam vom Schicksal auferlegt bekommt, wächst?  Oder doch eher, wenn man problemlos liebend, die Leichtigkeit des Seins genießen kann?

Dies ist ein äußerst spannend zu lesendes Buch von einer Frau, die sich aufgrund von politischen Unwägbarkeiten nicht unterkriegen ließ, sich selbst treu blieb, ihre Mitmenschlichkeit nicht verleugnete und sich nicht an Unrechtsregime anpasste, jedoch durch sie erfahren hat, wie inhuman Menschen sein können, wenn man ihnen Macht  gibt.

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Der Vorhang fiel: Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen

Rezension: Mit Wagemut und Wissensdurst- Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen- Felicitas von Aretin- Elisabeth Sandmann

Die Autorin dieses spannenden Buches in die Historikerin Dr. Felicitas von Aretin. Sie leitet die Pressestelle der Freien Universität Berlin, ist zudem im Bereich Kommunikation der Max-Planck-Gesellschaft tätig und verantwortet seit 2015 die Abteilung Medien und Kommunikation am Deutschen Jugendinstitut in München. 

Das Buch, in dem insgesamt 21 Frauen porträtiert werden, ist in fünf Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel beginnt mit einem, es stets kurz erläuternden Vorspann, dem dann die entsprechenden biographischen Texte folgen, in die auch immer Fotos eingebunden sind. 

Die Kapitel lauten: 

Frauen drängen in Männerdomänen 
Pionierinnen der Naturwissenschaften 
Frauen in Kultur und Medien 
Im Einsatz für das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft 
Selbstständige und Unternehmerinnen 

Im Vorspann des 1. Kapitels erfährt man sogleich, dass die erste Frau, die 1867 in Zürich das Medizinstudium mit einem Doktorgrad abschloss, eine Russin war und es die Russinnen gewesen sind, die letztlich auch für viele Deutsche und Schweizerinnen den Weg frei machten, um vor 1900 in der Schweiz zu studieren. Es waren die prestigeträchtigen Fächer wie Medizin, Jura, Architektur und Theologie, in denen der Widerstand gegen das Frauenstudium besonders groß war, deshalb wichen die Frauen in diesen Studiengängen auf Familienrecht, Innenarchitektur und Gynäkologie aus. 

Man lernt im ersten Kapitel drei Frauen kennen, die gegen den Strom geschwommen sind. Die Porträts hier nachzuzeichnen, würde bedeuten, die Neugierde zu schmälern. Das allerdings möchte ich nicht, dennoch werde ich zwei Frauen, die im Buch porträtiert sind,  stellvertretend für alle hier anführen. 

Marietta Blau war eine österreichische Physikerin, trotz ihrer Fähigkeiten wurde sie wegen des zunehmenden Antisemitismus nicht habilitiert. Sie schaffte es, am Tag des Einmarsches von Hitlers Truppen mit dem letzten Zug nach Oslo abzureisen und emigrierte 1944 in die USA, wo sie in der Industrie arbeitete und später dann Professorin wurde. Das Leben ging auch weiterhin sehr unfair mit ihr um. Sie erhielt nicht die ihr gebührende Wertschätzung durch einen Nobelpreis, sondern der Brite Cecil Powell wurde damit ausgezeichnet, obschon dessen Forschungen auf den Studien Blaus beruhten. Krank  und mit einer Minimalrente,  da sie als NS-Opfer nicht entschädigt wurde, starb sie vereinsamt und verarmt in Wien. Ihre Bedeutung für die Kernphysik wurde lange nicht anerkannt. 

Dann lernt man beispielsweise im 4. Kapitel die deutsche Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann kennen, die von 1926- 1931 mit dem Soziologen Erich Fromm verheiratet war. Auch sie war Jüdin und musste 44 jährig in die USA emigrieren. Auch sie hatte es nicht einfach, obschon sie erfolgreich therapeutisch arbeitete, als Ausbildungsanalytikerin und Dozentin in New York und Washington forschte und als Supervisorin tätig war. Sie wurde von ihren Kollegen der klassischen Psychoanalyse angefeindet. Zudem wurde sie schwerhörig und dadurch schließlich ebenfalls sehr einsam. 

Deutlich wird, dass ohne  Mentor oder eine Mentorin an der Seite, es  kaum möglich war, sich  auf das Terrain von Männern zu begeben und  sich dort einen Namen zu machen.

Ein interessantes Buch, das auf Frauen aufmerksam macht, die ungeachtet aller Steine, die man ihnen in den Weg legte, ihren Weg zu gehen versuchten und sich vielleicht ein Stück Freiheit erkämpften, wenn auch fast immer zu einem hohen Preis.

Dass einige der Frauen sehr gute Netzwerkerinnen waren,  zeigt, dass sie erkannten,  wie notwendig bei allem Können Rückhalt ist, um Anfeindungen standzuhalten.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Mit Wagemut und Wissensdurst: Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen

Rezension: Frauen- Was uns bewegt- Elisabeth Sandmann Verlag

Die Herausgeber dieses großartigen Werkes  mit dem Titel "200 Frauen- Was uns bewegt" sind Geoff Blackwell, der prämierte Verleger und künstlerische Leiter von Blackwell& Ruth und Ruth Hobay. 

Wie der Elisabeth Sandmann Verlag die Leser wissen lässt, hat Blackwell nicht wenige internationale Bestseller über Menschen, Menschlichkeit, Gleichberechtigung und Umwelt konzipiert, so etwa mit Nelson Mandela und Demond Tutu, aber auch den von der Familie Spencer autorisierten Porträtband über Diana, Prinzessin von Wales. 

Ruth Hobay hat eine Vielzahl von Titeln entwickelt, die weltweit gut verkauft werden konnten. Er arbeitet mit Blackwell seit Jahren zusammen und lebt in Neuseeland. 

Der dritte im Bunde ist der preisgekrönte neuseeländische Fotograf Kieran E. Scott. Er hat die interessanten Damen abgelichtet.

Im Buch werden insgesamt 200 Frauen unterschiedlichen Alters gezeigt und es wird im Rahmen spannend zu lesender Interviews oder auch kurzer Statements vermittelt, was ihnen wirklich wichtig ist, was sie glücklich macht, wann sie tiefstes Leid empfinden, was sie in der Welt verändern würden, sofern sie könnten und wie sie sich mittels eines Wortes jeweils selbst beschreiben. 

Dabei handelt es sich keineswegs nur um namhafte, wohlhabende, gebildete Frauen, sondern um solche aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichem Erfahrungshorizont. 

Wie die Herausgeber eingangs schreiben, haben sie einzelne Interviewpartnerinnen erst durch Recherchen vor Ort gefunden und fassen zusammen, dass in den Antworten Interviewparterinnen vor allem Güte, Großmut, Weisheit, Inspiration und Wahrheit zu erkennen sind. 

Die Verlegerin Elisabeth Sandmann schreibt in ihrer Einleitung, dass es ihr daran gelegen sei, mutigen und unabhängigen Frauen Gehör zu verschaffen. Jeder, der ihre Bücher kennt, kann dies bestätigen. Für die deutsche Ausgabe des Buches durfte ihr Verlag zwölf Frauen auswählen, unter ihnen die Ärztin Monika Hauser, die kriegstraumatisierten und vergewaltigten Frauen durch ihre Organisation "medica mondiale" lebensnotwendige Unterstützung bietet. 

Die zwölf Frauen wurden in Paris, Berlin und München interviewt und fotografiert. Alle 200  Damen sind auf Porträtaufnahmen zu sehen. Jeder ist eine bestimmte Eigenschaft zugeordnet. Im Rahmen einer kurzen Biographie liest man jeweils, etwas über das Leben dieser Frauen. Die Geburtsdaten werden charmanter Weise verschwiegen. Dann folgen die standardisierten Interviewfragen. Interessant finde ich es zu ermitteln, ob die Antworten der einzelnen Personen und die jeweils zugeordneten Eigenschaften mit dem jeweiligen Gesichtsausdruck übereinstimmen.

Auf einzelne Personen und Interviews einzugehen, wäre unfair. Angela Davis, eine der Interviewpartnerinnen möchte ich allerdings stellvertretend für alle erwähnen. Die heutige Professorin für Philosophie ist eine berühmte Bürgerrechtsaktivistin, die als Wissenschaftlerin und Schriftstellerin zehn Bücher verfasst hat, so etwa ein Buch über Rassismus und Sexismus. 

Sie sagt am Ende des Interviews, dass sie sich nach Gerechtigkeit sehne und zwar für alle, weil nur so sie möglich sei. Diesem Gedanken schließe ich mich an.

Das Buch sollten nicht nur Frauen zur Hand nehmen. Es stimmt nachdenklich, schenkt dabei Lesefreude und verdeutlicht, dass es stets Sinn macht, sich mit der Vielfalt von Antworten zu einzelnen Fragen zu befassen. Standpunkte sind nicht zuletzt das Produkt von Erfahrungen. Man sollte ihnen stets tolerant begegnen und an die klugen Worte der Indianer denken:

"Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin." 

Sehr empfehlenswert 

Helga König 

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200 Frauen: Was uns bewegt

Rezension: Fliegen kann jeder- Günther Maria Halmer- C. Bertelsmann

Die spannend zu lesende Biographie "Fliegen kann jeder" stammt aus der Feder des Schauspielers Günther Maria Halmer. Seine Lebensgeschichte zeigt einerseits, dass vieles im Leben dem Zufall geschuldet ist. Es zeigt aber auch, dass man nur dann wirklich erfolgreich sein kann, wenn man seinen Gaben gemäß lebt, tätig ist und auch etwas wagt. 

Günther Maria Halmer, ein lebenserfahrener und dabei sehr nachdenklicher Mensch ist klar, dass die Umstände das Ich formen.

Wie kam es dazu, dass Halmer zu dem Mensch wurde, den man spontan mag, weil er Authentizität, leichte Ironie und viel Liebenswürdigkeit ausstrahlt? 

Halmers Kindheit und Jugend lassen nicht erkennen, dass er später einmal ein berühmter, weltoffener Schauspieler werden würde. Seine Mutter- sieben Jahre älter als sein Vater- brachte den Knaben im Alter von 37 Jahren zur Welt. Vorgezeichnet war ihm von seiner Herkunft her ein anderer Weg als jener, den er dann tatsächlich ging. Das Einzelkind mit sehr strengem Vater sollte promovierter Jurist werden. Halmer war allerdings zu  renitent und zu freiheitsliebend, um sich seinem Vater und den Lehrern seiner Generation zu unterwerfen. Der Klassenclown verließ das Gymnasium vorzeitig, begann verschiedene Ausbildungen, die nicht zu ihm passten, besuchte eine Sprachenschule, auch die Hotelfachschule, wurde sogar Minenarbeiter in Kanada, bis er schließlich aufgrund eines zufälligen Gesprächs mit einem dortigen Kollegen entdeckte, was seine Bestimmung war: den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. 

Halmer ist 24 Jahre alt als er 1967 die Aufnahmeprüfung in der Otto Falckenberg Schule, der– Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München besteht und nun die Anerkennung findet, die ihn zu dem macht, was in ihm von Anbeginn an schlummerte.  Es ist ebenso spannend für den Leser diese Entwicklung nachzuvollziehen wie zuvor es sehr lesenswert war,  zu erfahren, was einen wirklich resilienten Menschen ausmacht. Nach so vielen Misserfolgen sich wieder aufzurichten und hoffnungsfroh weiterzugehen, gelingt nicht jedem, wie man weiß. 

Für Halmer steht fest, dass seine Aufnahme in die berühmte Falckenberg-Schule- trotz mittelmäßigem Vorsprechen - mit seinen Erfahrungen im Bergwerk in Kanada zu tun hatte und dass sein gesamtes Vorleben sich schon damals in seiner Persönlichkeit ausdrückte. 

Der Schauspieler erzählt in der Folge von seinem Berufsleben und seinen Rollen, aber auch von seiner Beziehung zu seiner Frau, die er im Alter von 27 Jahren kennenlernte und mit der er schon über 40 Jahre glücklich verheiratet ist. Seine Claudia, Schauspielerin wie er und Mutter seiner beiden Söhne, ist und war ihm stets eine große Stütze und der Mittelpunkt seines Lebens, lässt er seine Leser wissen. Es sei ihre Herzensbildung, ihre Weitsicht und ihre Vernunft, die ihn im Laufe der Ehe haben milder werden lassen. Vormals nämlich hätten seine Renitenz und seine Sturheit viel zerstört und er habe aufgrund dieser Ecken und Kanten immer wieder Menschen vor den Kopf gestoßen. 

Sehr interessant sind natülich Halmers Erinnerungen an sein Schauspielerleben. Viele kennen Günther Maria Halmer als tollen Mimen in Fernsehfilmen, doch nicht jeder weiß um seine Rollen in Spielfilmen wie etwa "Gandhi", wo er die Rolle des Dr. Kallenbach mimte oder auch in "Sophies Entscheidung", wo er  u.a. die Rolle des Auschwitz-KZ-Lagerkommandanten Rudolf Höss spielte, während Meryl Streep die Rolle der Jüdin Sophie übernahm. 

Halmer berichtet nicht nur von seinen Filmen, seinen Regisseuren und seinen Schauspielerkollegen, sondern auch von seinen Gefühlen, die mit einzelnen Rollen verbunden waren und von den Eindrücken in den Ländern, in denen Filme gedreht wurden,  so auch in der Sowjet-Union. Dort mimte er  in "Peter der Große" die Rolle von Peter Tolstoi, während Maximilian Schell die Rolle von Peter dem Großen spielte.

Von 1988 bis 2001 spielte er in  20 Folgen der Serie "Anwalt Abel" die Hauptrolle. An diese wunderbaren Fernsehfilme dürften sich noch viele erinnern. Doch das Buch eröffnet dem Leser eine viel breitere Sicht auf diesen vielfältig begabten Schauspieler, der ein brillanter Erzähler ist und auf diese Weise seine Leser bis zur letzten Seite zu fesseln weiß. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten – Christian Nürnberger und Petra Gerster.

Das vorliegende Buch ist eine Teamarbeit des Ehepaars Christian Nürnberger und seiner Frau Petra Gerster. Die beiden Journalisten haben gemeinsam schon mehrere Bücher verfasst. Allesamt wurden zu Bestsellern. 

Die ein wenig verspielt und oftmals humorvoll daher kommenden Illustrationen dieser Luther-Biographie stammen von Irmela Schautz. Sie hat Malerei und Grafik an der Kunstakademie Münster und Bühnen- und Kostümbild an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart studiert. Heute lehrt sie an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. 

Weshalb dieses Buch in einem Jugendbuchverlag erschienen ist, vermag ich nicht zu deuten. Vielleicht der Bilder wegen, die man so gestaltet, eher aus Jugendbüchern kennt?

Der Text selbst ist vielschichtig, kritisch und intellektuell alles andere als oberflächlich angelegt, insofern also bestimmt für junge und nicht mehr ganz so junge offene Geister, die Freude an einer  unverkrampften Sprache haben.

Anlässlich des 500 jährigen Reformationsjubiläums in 2017 haben bereits einige Autoren Biographien zu Luther verfasst. Für das vorliegende Buch spricht die leichtfüßige Sprache, gepaart mit der spielerischen Aufbereitung von historischen Fakten und intellektuellen Überlegungen, sowie das gekonnte Herstellen von Zusammenhängen, ohne die geschichtliche Begebenheiten bekanntermaßen unverständlich bleiben und  sofort wieder vergessen werden. 

Spannend erzählt wird die Lebensgeschichte Martin Luthers, der – unüblich in seiner Zeit- nur Gott und dessen Wort als einzige Autorität anerkannte. Dass er eine entlaufene Nonne schwängerte, sie heiratete und sich selbst seiner Mönchskutte entledigte, vervollständigte den Skandal um diesen trotz allem aber sehr frommen Mann. Obschon Luther, laut Nürnberger, kein neuzeitlich aufgeklärter Humanist war, wurde er zum Reformator und zum Gründer einer neuen Kirche und zudem zum Bibelübersetzer, Schöpfer der deutschen Sprache, Schriftsteller, Bestseller-Autor und Ahnherr der Institution des evangelischen Pfarrhauses.

Aufgezeigt werden die einzelnen, wichtigen Ereignisse auf dem Lebensweg des Reformators, seine frühen Entscheidungen, die er später in Frage stellt und seinen Konflikt mit seinem Vater, der aus seinem Sohn einen Juristen und keinen Theologen machen wollte.Verdeutlicht aber auch wird Luthers Desinteresse im Hinblick auf die Kunst und andere Errungenschaften der Renaissance und klar wird recht bald, dass Martin Luthers Fokus sich gezielt auf die Gestaltung eines neues Gottesbild richtet. 

Er tat dies, indem er an den alten Autoritäten zweifelte und zu prüfen begann, ob deren Lehren tatsächlich stimmten. Dabei ging es, wie man erfährt, nicht um Rebellion, sondern um Wissbegierde. Über Luthers Gottesbild, auch über den Ablasshandel und über die 95 Thesen, die er einst verfasst hatte, liest man Aufschlussreiches und erfährt zudem, dass die berühmte "Türgeschichte" wie so manch andere Story um Luther der Legendenbildung angehört. 

Fakt ist, dass Luther im Laufe von nur vier Jahren eine Vielzahl von Schriften angefertigt hat, die zur Entstehung der evangelischen und reformierten Kirche führten. Nicht unerwähnt bleibt die neue Drucktechnik Gutenbergs, die es erst möglich machte, dass eine unabhängige öffentliche Meinung entstand, die sich gegen Rom richtete. 

Auch kirchenpolitische und politische Überlegungen bleiben nicht ausgegrenzt. Luthers Lehre war ab 1520 in den Köpfen vieler und die Zeit für das Neue nicht mehr umkehrbar. Worin dieses Neue bestand, erfährt man im Buch detailliert. 

Dass Wortschöpfungen wie "Gewissensbisse", "Selbstverleugnung", "Wortgezänk" oder Metaphern wie "Perlen vor die Säue werfen" auf Luther zurück gehen, wird nicht jedem bekannt sein und vielleicht auch nicht, dass Luther gerne im Team arbeitete, was in seiner Zeit ungewöhnlich war. Über seinen Text "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man Gehorsam schuldig sei" liest man, dass Luther dort die später sogenannte "Zwei -Reiche-Lehre" entfaltete, wonach Glaubensfragen eine Angelegenheit Gottes sei und keine Macht der Welt Christen in Glaubensfragen Vorschriften machen dürfe. Kaiser, Könige und Fürsten müssten also außen vor bleiben. 

Nürnberger lässt die Folgen der "Zwei-Reiche-Lehre" nicht unerwähnt, die sich darin zeigten, dass sich daraus der deutsche Obrigkeitsstaat und obrigkeitshörige Untertanen entwickelten. 

Welchen Einfluss seine Frau Käthe auf Luther und Luthers Schaffen hatten, ist auch ein Thema. Dieses Kapitel hat Petra Gerster verfasst, die u.a. lange Jahre hindurch die Informationssendung für Frauen mit dem Titel "Mona Lisa" moderierte und hierfür den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis erhielt, insofern mit kompetentem Blick diese Mann-Frau-Beziehung beleuchtet.

Katharina von Bora erinnert in ihrer Tüchtigkeit an die Lebensgefährtin Christiane Vulpius, auch wenn die geistige Ausrichtung unterschiedlich gewesen sein mag, so mein spontaner Eindruck. 

Christian Nürnberger geht, das bleibt zu sagen, kritisch mit Martin Luther um und vergisst nicht zu erwähnen, dass dieser in seinen späteren Lebensjahren sehr hasserfüllt nicht nur den Papst, sondern auch die Osmanen und die Juden beschimpft habe. Mit den zuletzt genannten Beschimpfungen habe Luther leider zum Antisemitismus in Europa beigetragen. 

Wer dieser Martin Luther war und in welcher Beziehung er zu Malern und Musikern und zeitgenössischen Wissenschaftlern stand, ist ebenso interessant zu erfahren, wie die Bedeutung dieses Mannes im Hier und Jetzt und auch, welche Konsequenzen sich aus den unschönen Erfahrungen aus dem Gestern ergeben. 

Papst Franziskus erinnert meines Erachtens in seinem Reformwillen sehr an Luther, nur dass er toleranter auf Muslime und Juden zugeht. Ob das Oberhaupt der katholischen Kirche bereit ist, das höchste Amt der katholischen Kirche abzuschaffen, um die gespaltene Kirche wieder zu einen, wird man sehen. Undenkbar ist dies ebenso wenig, wie die Tatsache, dass die Protestanten einen Papst in einer reformierten, katholischen Kirche als  Führungskraft Nr. 1 akzeptieren. 

Alles ist möglich. Das wissen wir seit 1989.

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Helga König

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Rezension:Die Macht des Vergebens- Eva Mozes Kor

Die heute 82 Jährige Eva Mozes Kor hat gemeinsam mit dem mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller Guido Eckert das vorliegende Buch verfasst. Kor wurde als zehnjähriges Mädchen gemeinsam mit ihren Geschwistern und Eltern nach Auschwitz deportiert und mit ihrer Zwillingsschwester von dem KZ-Arzt Dr. Josef Mengele für medizinische Versuche missbraucht.

Ausführlich  berichtet die Jüdin zunächst über  ihre Gefangennahme und Deportierung und über die Erfahrungen im Konzentrationslager. Immer wieder erwähnt sie  ihren Überlebenswillen, ohne den sie diese grausame Zeit wohl nicht überstanden hätte. Sie sah im KZ Kinder, die erblindeten, weil Mengele mit Chemikalien deren Augenfarbe verändern wollte und solche, die verstümmelt wurden oder nach Kastration, Amputation und Organentnahme starben.

Als damals Zehnjährige wurden an ihr immer wieder schmerzhafte Versuche ausgeführt. Es grenzt an ein Wunder, dass sie all die Torturen überhaupt überlebt hat. Die alte Dame fragt sich  nach all den furchtbaren Erfahrungen, was uns eigentlich menschlich bleiben lässt und kommt zu dem Ergebnis, dass es der Wille ist, alles für einen anderen Menschen zu tun, ohne dafür etwas zu erhalten, nicht einmal ein simples "Danke".

Als Ihre Zwillingsschwester Miriam an den Spätfolgen der Menschenversuche schwer erkrankt und stirbt, recherchiert sie nach deren Peinigern und erkennt, dass es sie nur einen Weg geben kann, sich von diesen zu befreien: Zu vergeben.

Was Vergebung für sie bedeutet, erläutert sie in ihrer Vergebungserklärung. Für sie ist es die Möglichkeit ihrer Hilflosigkeit zu entkommen, die so lange wirkte, solange sie Hass, Wut und Zorn in sich spürte und sich  der Vergangenheitsbewältigung entzog. Sie wollte nicht länger Opfer sein. Vergebung  habe ihr geholfen, nicht ein Mensch zu werden, der Tätern nacheifert und böse wird.

Für sie gilt: Täter müssen bestraft werden, aber sie möchte sich nicht in der Frage nach der Härte der Strafe in überflüssige Diskussionen ziehen lassen, weil Wut böse mache. Sie will am Kreislauf des Verderbens nicht teilnehmen, indem sie nach Vergeltung schreit. Sie möchte keine destruktive Energie in sich tragen.

Eva Mozes Kor war Nebenklägerin im Lüneburger Auschwitz-Prozess und vergab in diesem Zusammenhang einem früheren SS-Mann. Dabei vergab sie ihm nicht, weil er es verdiente, sondern weil sie die Auffassung vertritt, dass sie es verdient, endlich frei zu sein. 

Nach Meinung der Gepeinigten kann nur Vergeben die Welt verändern. Vielleicht hat Kor damit Recht. Ich allerdings möchte das bezweifeln, denn das Leben hat mich gelehrt, dass das Böse ein Bestandteil dieser Welt ist und sich nicht zurücknimmt, wenn man vergibt. Im Gegenteil.

Trotz aller Vorbehalte habe ich große Achtung vor Eva Mozes Kors Geste und wünsche ihr, dass sie die Dämonen des Gestern hierdurch für immer los geworden ist.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Mit Platon und Marilyn im Zug- Was uns die Begegnungen berühmter Persönlichkeiten über die großen Fragen des Lebens verraten- Helge Hesse- Piper

Helge Hesse, der Autor dieses spannend zu lesenden Buches, hat bereits mehrere Sachbücher zu kulturellen, historischen und philosophischen Themen verfasst, so etwa den in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller "Hier stehe ich, ich kann nicht anders- In 85 Sätzen durch die Weltgeschichte", den ich kürzlich rezensiert habe. 

Der studierte Philosoph schreibt im vorliegenden Werk über interessante Begegnungen namhafter Persönlichkeiten aus der Geschichte und welche Fragen sich aus diesen Zusammentreffen für ihn ergeben. 

Ich habe das Buch nicht chronologisch gelesen, sondern bin wie sooft meiner Neugierde gefolgt und wollte von daher nicht zuallererst wissen, was Macht ist, auch nicht, ob Krieg gerecht sein kann, sondern mich interessierten zunächst Fragen wie etwa "Ist Kunst lebensnotwendig?", "Darf es Freiheit ohne Verantwortung geben?" aber vor allem "Ist der Kopf wichtiger als das Herz?"

Zunächst las ich die tragische Geschichte von Pierre Abélard und Héloise, die für ihre Liebe einen sehr hohen Preis zahlen mussten. Mich berührt das Schicksal Abélards schon viele Jahre. Es gibt keine Liebesgeschichte, die mich so gefangen nimmt, wie diese. 

Wie Helge Hesse so treffend schreibt, mussten Abélard und Héloise mit ihrem Glauben und ihrer Kirche ringen, aber auch mit den Umständen der Zeit. Zurück blieben zwei gebrochene Herzen, so die Analyse des Autors, der resümiert, dass diese unglücklich Liebenden sich in den Verstand flüchteten. Sie hatten wohl keine andere Chance... 

Jede einzelne Geschichte, die stets mit Zitaten der fokussierten Personen beginnt, gewährt uns einen Einblick in deren Lebensumstände und Denken. 

Interessant auch ist die Frage, die sich um die Begegnung Johann Wolfgang von Goethes und Alexander von Humboldts rankt. "Welches Wesen hat die Natur?" Für beide ist der Mensch ein Bestandteil der Natur. Sie ist nach ihrer Auffassung Teil ihres Wesens. Wie wir die Natur empfinden, trage dazu bei, dass wir sie verstehen. 

Goethe und Humboldt sollen im Blick des anderen die Vielseitigkeit des Daseins erkannt, speziell des menschlichen Geistes, und so erfahren haben, was Seelenverwandtschaft ist. Für beide soll sich das Wesen der Natur in dem Blickwinkel gezeigt haben, den der Mensch ihr gegenüber einnimmt. 

Es ist leider unmöglich, auf alle Fragen und Begegnungen im Buch einzugehen. Gefallen haben mir die Reflektionen zu John Lennon und Yoko Ono. "Kann man die Welt retten?" Ja, gewiss, wenn man den Gedanken Yoko Onos Ernst nimmt: "Ein Traum, den Du alleine träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den Du gemeinsam träumst, ist Realität." 

Wie schön, wenn alle gemeinsam vom Frieden träumen und auf diese Weise der Traum wahr wird, weil alle sich genau darum bemühen. Ein tolles Buch, das sehr zum Nachdenken anregt.

 Empfehlenswert 

 Helga König

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Rezension: Ein Appell von #Shirin_Ebadi an die Welt- Das hat der Prophet nicht gemeint

Dieses überaus lesenswerte, kleine Büchlein enthält Texte der Friedensnobelpreisträgerin #Shirin_Ebadi. Die Iranerin, Juristin muslimischen Glaubens, ist eine mutige Kämpferin für Menschenrechte und Aktivistin für Frieden und Stabilität. 

Im ersten Teil des Werkes kann man sich in die Gedankenwelt von Shirin Ebadi vertiefen. Im dann folgenden Part informiert Gudrun Harrer, Islam- und Politikwissenschaftlerin, Nahostexpertin sowie Journalistin bei der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" über die Friedensnobelpreisträgerin, die sie als "Die Unbeugsame" bezeichnet.

Shirin Ebadi wurde am 21. Juni 1947 in Hamadan geboren und wuchs in Teheran auf.  Seit 2009 lebt sie im Exil in Großbritannien. Ihr Ehemann wurde 2010 im Iran gefoltert, weil man ihn dazu bringen wollte, sie zu denunzieren. Seit jenen Tagen hat sie ihn nur noch einmal gesehen. 

Harrer schreibt von Shirin Ebadis vorrevolutionärer Jugend als Tochter aus gebildetem Hause. Bereits 1971 bewarb sie sich als Richterin, promovierte ein Jahr später und wurde 1975 Präsidentin des Teheraner Stadtgerichts. Man erfährt, weshalb sie anfangs keine Sensorik dafür entwickelt hatte, dass die Rolle der schiitischen Geistlichkeit bei der Revolution eine Gefahr für die Zukunft des Iran verkörperte, liest auch wie die Richterin nach der Machtübernahme Khomeinis kaltgestellt wurde und wie sie schließlich zur Menschenanwältin wurde.

Im Jahre 1995 wurde Ebadi Mitbegründerin des Vereins für die Unterstützung der Kinderrechte. Wie es dazu kam, dass sie mit dem Friedennobelpreis ausgezeichnet wurde,  beschreibt Gudrun Harrer am Ende ihre Porträts. 

Ich empfehle das Porträt Shirin Ebadis von Harrer zuerst zu lesen und sich danach die Gedanken der Friedensnobelpreisträgerin zu Gemüte zu führen, weil man vor dem Hintergrund ihrer Vita ihr Denken noch besser versteht. 

Sie äußert sich u.a. zu Gerechtigkeit, dem Frausein, der Liebe, dem Leben, der Unabhängigkeit, der Gewalt, der Wirtschaft, der Globalisierung, dem Frieden, dem Islam, dem Fortschritt, der Kommunikation und der Widerstandskraft. 

Für sie ist es keine Frage, dass alle Religionen eine gemeinsame Wurzel haben und der Islam so interpretiert werden muss, dass er sowohl die Menschenrechte als auch die Demokratie akzeptiert. Dies sei möglich, so Ebadis. Sie habe es der iranischen Regierung mehrfach aufgezeigt. Und genau aus diesem Grunde habe man das Todesurteil über sie verhängt. 

Für diese kluge Frau ist es klar, dass Fortschritt nur durch gute Kommunikation erreicht werden kann und man Frieden nur dann schafft, wenn die Produktion und Verbreitung von Waffen eingeschränkt wird. 

Sie sagt unmissverständlich für alle, dass die radikalen Islamisten mit ihrem Fundamentalismus und Extremismus eine völlig falsche Ideologie vermitteln und  manche junge Europäer mit Migrationshintergrund nur deshalb Terroristen werden, weil sie keine Ahnung vom Koran haben. Sie gehen demnach Extremisten auf den Leim, weil sie eine extremistische Ideologie nicht von Religion unterscheiden können.

Shirin Ebadis Botschaft an ihre Geschlechtsgenossinnen: "Frauen und Männer, die sich unterdrückt fühlen und in Angst leben, müssen sich befreien. Von ihren Vätern, Ehemännern, Brüdern. Mädchen müssen sichergehen, dass sie Ausbildung bekommen. Sie müssen sich Kompetenzen aneignen, die ihnen die Möglichkeit geben, Jobs nachzugehen und wirtschaftlich unabhängig zu sein. Eine Frau, die wirtschaftlich abhängig ist, wird nie ein Selbstwertgefühl entwickeln. Eine Frau, die kein Selbstwertgefühl hat, riskiert immer, ein Opfer zu werden“

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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