Rezensionen Helga König:

Rezensionen Helga König: Biografien, Bücher und DVD- Dokumentationen

Rezension: Mick Jagger- Marc Spitz


Der Musikjournalist und Autor mehrerer Bücher Marc Spitz hat eine bemerkenswerte Biografie über Mick Jagger verfasst. Dabei ist es ihm gelungen, die vielen unterschiedlichen Facetten des nicht unproblematischen Wesens dieses Rockstars von gut bürgerlicher Herkunft herauszuarbeiten.

Bevor ich die Biografie las, habe ich mich in die vielen Schwarz-Weiß-Fotos im Buch vertieft, die 1960 ihren Anfang nehmen und vermuten lassen, dass das Leben dieses Mannes in den letzten 50 Jahren ziemlich ausschweifend gewesen sein muss, speziell wenn man sich die letzte Aufnahme, gewissermaßen das Ergebnis, realisiert 2011, des heute 69 jährigen vor Augen führt. Ich musste spontan an Dorian Gray denken. Und doch verlief das Leben Jaggers anders, war nicht primär von Savoir-vivre geprägt, sondern zuallererst von der absoluten Hingabe an die Musik, die unzählige Auftritte und Tourneen durch die ganze Welt mit sich brachten. Jagger blieb trotz all seiner spektakulären Auftritte letztlich der Sohn aus gutem Hause, der bestrebt war, Karriere zu machen und wusste, dass dies ohne Arbeit nicht möglich war.

Der Werdegang Jaggers wird bis ins Detail beschrieben und man erfährt alles über sein musikalisches Engagement, liest davon, dass Mick den Blues leben wollte und es wohl auch auf seine Art tat. Wie Sinatra und Holiday hat dieser Brite das perfekte Rhythmusgefühl von Beginn seiner Karriere an besessen. Jeder, der ihn tanzen sah, wird dies sofort bestätigen. Man liest von den Anfängen der Band, von der engen Freundschaft zwischen Keith und Mick und auch davon, weshalb nicht Brian Jones, sondern Jagger zum Star avancierte.

Frauen spielten im Leben Jaggers und in seiner Karriere eine nicht unwesentliche Rolle. Stets zur entscheidenden Zeit hatte Mick die entscheidenden Beziehungen, beginnend mit Chrissie Shrimpton, fortfahrend mit Marianne Faithfull, Bianca Jagger und so weiter und so fort. Vermutlich ging er in seiner Frauenwahl nicht berechnend vor, sondern er hatte einfach nur Fortune.

Jagger, der Songschreiber, Sänger und Musiker vermochte sich wie kein anderer in den Zeitgeist der 68er Jahre einzufühlen, ihn rhythmisch umzusetzen. Dies ließ ihn schon früh zur lebenden Legende werden.

Nach wie vor soll Mick Jagger eine Menge Ideen haben und auch genügend Energie sie umzusetzen. Das klingt vielversprechend. Harren wir also der Dinge, die da kommen.

Empfehlenswert. 

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Rezension:Lebenslauf (Gebundene Ausgabe) - Alice Schwarzer

An dieser Biographie habe ich viele Wochen lang gelesen und mich an mancherlei erinnert, was in punkto fortschreitendem Feminismus in den letzten Jahrzehnten für viel Aufregung sorgte. Ich war nicht immer einer Meinung mit den Positionen Alice Schwarzers, so etwa was die Bilder Helmut Newtons anbelangt. Möglicherweise bin ich in dieser Hinsicht zu blauäugig. Wie liberal dürfen wir sein?

Natürlich habe ich mir voller Neugierde zunächst die vielen Privatbilder im Buch angesehen. Alice war eine attraktive junge Frau. Ein Männertyp mit einem gutaussehenden, intelligenten Franzosen an ihrer Seite. Frauen ihres Typs sind in jenen Tagen eigentlich nicht auf die Barrikaden gegangen. Warum auch? Sie bekamen von Männern doch die Welt zu Füßen gelegt? So jedenfalls die landläufige Meinung.

Hatte Alice Schwarzer von Anfang an eine Mission oder entwickelte sie sich allmählich zu der Frau, die wir heute alle kennen? Diese Frage erhoffte ich durch die Lektüre des Buches beantwortet zu bekommen und bin diesbezüglich nicht enttäuscht worden.

Mit großem Interesse las ich von Schwarzers Kindheitseindrücken und ihrer Jugend. Der Weg als Journalistin war ihr nicht vorbestimmt. Sie besuchte die Handelsschule und war kaufmännisch tätig, wie so viele Mädels ihres Alters, aber sie besaß neben ihrer Intelligenz genügend Ehrgeiz einen Weg zu finden, auch ohne Abitur studieren zu können. In Frankreich ist dies möglich und so studierte sie vier Jahre hindurch Psychologie und Soziologie in Vincennes, nicht zuletzt auch bei Michel Foucault. Das Studium wird ihr bei ihren späteren gesellschaftspolitischen Betrachtungen sehr geholfen haben, war eventuell auch die Eintrittskarte für die Gesellschaftskreise, in denen sie sich später bewegte. Man kennt den akademischen Dünkel, der auch Franzosen nicht fremd ist. Waren ihre Freunde Sartre und Beauvoir von diesem Dünkel beseelt?

Schwarzer legte bei allem Intellektualismus immer Wert auf schicke Kleidung. Ein wenig eitel erwähnt sie dies, wenn auch verdeckt, immer wieder, wenn es um ihre jungen Jahre geht. Die Liebe zu hübschen Klamotten outet sie als Mensch, der um Attraktivität bemüht ist. Das macht sie mir zusätzlich sympathisch, weil sie mir zeigt, dass sie als Königin der Feministinnen, nie vergessen hat, dass sie stets eine Frau war mit entsprechenden Vorlieben. Geschminkt sein und ungeschminkt reden ist für sie kein Widerspruch. Kleingeistigkeit, die sich in gegenteiligen Forderungen oft schon ablesen kann, ist ihr fremd.

Ich möchte an dieser Stelle nicht das Buch nacherzählen. Gefragt habe ich mich natürlich wie groß der Einfluss Simone de Beauvoirs auf sie war und ob sie ohne diese Freundschaft möglichweise nicht zu einer Feministin, sondern eventuell zu einer Chefredakteurin bei "der Bunten" geworden wäre. Wie sehr werden wir im Laufe unseres Lebens durch andere geprägt? Was trieb Schwarzer zunächst an? Der Wunsch aus der Masse ihrer Geschlechtsgenossinnen herauszuragen oder der Wunsch ihren Geschlechtsgenossinnen zu helfen?

Dass sie uns allen geholfen hat, steht außer Zweifel. Sie schuf Bewusstsein in Sachen Schwangerschaftsabbruch und lässt trotzdem in ihrem Buch nicht unerwähnt, dass noch heute Abtreibung rechtswidrig ist, (vgl.: S.237). Sie schuf Bewusstsein durch ihr Buch "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen", das in zwölf Sprachen übersetzt wurde. Ich las es sofort, nachdem es veröffentlicht wurde und diskutierte den Inhalt mit Freundinnen. Schwarzer wurde zu unserem Vorbild, wenn es um freie Sexualität und die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ging.

Ihre Karriere als Journalistin, Autorin und Verlegerin finde ich ebenso bewundernswert, wie ihr Engagement als Feministin. In ihren Betrachtungen ist sie immer noch am Puls der Zeit. Sie ist eine Selfmadewoman und als solche ein Vorbild. Ich habe die meisten ihrer Bücher gelesen und schätze ihren analytischen Verstand, der auch für die vorliegende Biographie bezeichnend ist.

Zudem liebe ich an ihr die heitere Gelassenheit, die sie auf all den Fotos und in Fernsehsendungen zum Ausdruck bringt. Als ich sie im letzten Jahr in Frankfurt auf der Buchmesse sah, wurde mir bewusst, dass es ihr Esprit ist, der sie so ungemein jung wirken lässt. Ihre Aura ist spürbar voller Jugend. Die Schützin wird dieses Jahr 70 Jahre alt. In ihrer Biographie zeigt sie, wie sie in den letzten Jahrzehnten die Pfeile aus ihrem Köcher mit viel Verstand einsetzte, um den alten Adam vom Thron zu holen. Es ist ihr gelungen. Adam lebt noch. Die Bewegung hat ihm gut getan. Er ist ein anderer geworden. Bravo, Alice Schwarzer!
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Rezension:Berühmte Paare der Weltgeschichte: 50 liebevolle Episoden (Gebundene Ausgabe)

Während ich dieses Buch las, hörte ich seit ganz langer Zeit mal wieder Chopins "Nocturnen" und ich höre sie auch jetzt, während ich dabei bin, eine Rezension zu "Berühmte Paare der Weltgeschichte" zu schreiben. Die Klänge passen einfach zu diesem Thema.


Christoph Nettersheim hat fünfzig sehr kurzweilig zu lesende Essays über besagte Paare verfasst und untergliedert diese in: Verführt- Gemeinsame Mission- Heiratspolitik - Ein Leben lang - Verbotene Liebe- Im Dreieck- Heiter bis stürmisch- Seelenverwandt- Künstler und ihre Musen- Gescheitert.

Im Blickpunkt dieses Buches stehen Paare, bei denen beide Beteiligten unabhängig voneinander einen gewissen Grad von Berühmtheit erlangt haben. Eine der Grundfragen ist die, welche Wege eine Liebe nimmt, wenn beide berühmt sind? Ganz unterschiedliche. So viel nur.

Es ist müßig jetzt auf alle 50 Liebespaare und ihre Freuden sowie Leiden einzugehen. Nicht immer war Liebe auf den ersten Blick im Spiel. Diesbezüglich fand ich den Essay zu Rainier II. von Monaco und Grace Kelly sehr bezeichnend, den der Autor nicht grundlos mit "Ich werde lernen, ihn zu lieben" betitelt. Gracia Patricia ging ein Arrangement ein. Sie traf eine perfekte Wahl, beim dem die Liebe kein Stimmrecht bekam. Sie ergab sich später. Funktioniert das wirklich?

Mein Lieblingsliebespaar Simone de Beauvoir und Jean -Paul Sartre sind auch aufgeführt. Sie schenkten sich alle Freiheit und wurden genau deshalb zu Liebenden, deren Verbindung unzerstörbar war. Diese Liebe, scheint mir die am schwersten zu lebende zu sein. Sie erfordert Disziplin und viel Kraft. Allein, das Ergebnis überzeugt.

Es hat mich gefreut, dass der Autor die Beziehung zwischen Oscar Wilde und Lord Alfred Douglas nicht vergessen hat. Wilde verlor wegen dieser Liebe alles und starb im Alter von nur 46 Jahren mittellos in Paris. Wilde hätte ein würdigeres Pendant verdient als Bosie, der ihn in jeder Hinsicht ruinierte. Wilde ist in meinen Augen der größte Liebende von allen. Seine Nachsicht ist beispiellos.

Mit viel Interesse las ich den Essay über Gert Bastian und Petra Kelly. Die Grüne litt unter offenbar unter Panikattacken und vereinnahmte den wesentlich älteren General vollständig. Bastian machte der Beziehung ein Ende, indem er sie und sich erschoss. Abgrenzung, die endgültiger nicht sein kann.

Die Liebe zwischen Elisabeth Taylor und Richard Burton kommt zur Sprache, die meines Erachtens eine der intensivsten der im Buch vorgestellten Liebesbeziehungen war. Letztlich vermochten sie ihr Liebenspotential nicht auszuleben, weil ihre Egos zu groß waren.

Erwähnen möchte ich Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salome. Sie war 36 Jahre alt, hochintelligent, berühmt, schön und verheiratet, aber noch immer Jungfrau. Rilke war 21 Jahre alt, alles andere als ein Draufgänger. Er war sensibel, hochintelligent, unsterblich verliebt. Lou nahm ihn zum Bettgefährten und machte aus ihm den Dichter als den wir ihn heute kennen. Gewiss hat diese freiheitsliebende Lou Rilke wiedergeliebt, möglichweise auch deshalb, weil sie sich bei diesem Mann sicher sein konnte, dass er sie nicht vereinnahmte. Voneinander lassen konnten die beiden, die seelenverwandt waren, auch nach dem Ende der Beziehung nicht. Wie der Autor schreibt, hat die Freundschaft bis zu Rilkes Tod gehalten, obschon ihre Liebesbeziehung nur gut drei Jahre angedauert hat, sei es nicht vermessen zu sagen, dass Lou Andreas -Salomé der wichtigste Mensch im Leben von Rainer Maria Rilke war- und vielleicht umgekehrt auch. Das kann ich mir gut vorstellen.

Da ich Chopins Nocturnen soeben höre, will ich nicht unerwähnt lassen, dass auch er und seine Beziehung zu George Sand in Augenschein genommen werden. Diese Beziehung hielt neun Jahre und man weiß nur, dass es nach der Trennung von George mit ihm gesundheitlich bergab ging. Zwei Jahre später starb er. Geblieben ist die wundervolle Musik, die mich immer wieder sehr berührt und über die Liebe nachdenken lässt.
Am heftigsten nagen jene Liebesbeziehungen an uns, die nicht gelebt werden durften und die darauf warten in anderen Leben eventuell eine Chance zu erhalten. Man muss diese ungelebten Beziehungen verdrängen, um weiter leben zu können. Das klappt nicht an allen Tagen. Ein weites Feld.

Empfehlenswert.
 
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Rezension:Die Radikalität des Alters: Einsichten einer Psychoanalytikerin (Gebundene Ausgabe)

Die Autorin dieses beeindruckenden Buches ist die Psychoanalytikerin, Medizinerin und Autorin Margarete Mitscherlich-Nielsen, die Jahre 1917 geboren wurde und einst gemeinsam mit ihrem Mann das bahnbrechende Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" schrieb.

Das Vorwort zum Buch hat Alice Schwarzer verfasst, die mit Frau Mitscherlich auch ein aufschlussreiches Interview realisierte, das man zum Ende des Buches lesen kann.

Das Buch ist in drei große Abschnitte eingeteilt. Im ersten Abschnitt, der den Titel "Herkommen" trägt, berichtet die Autorin von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihrem Studium. Ihre Wahl Psychoanalytikerin zu werden, vereine viele Prägungen ihrer Kindheit und Jugend und ihr Interesse sowie Einsatz für die Frauenbewegung ebenfalls, so die große Dame der Psychoanalyse.

Mitscherlich berichtet von ihren Erfahrungen als Studentin in der NS-Zeit in Jena und Heidelberg und meint rückblickend, dass die Studentinnen damals kritischer waren als die Studenten, (vgl.: S.23). Sie stellt weiter fest, dass in den fünfziger und sechziger Jahren eine Neuaneignung psychoanalytischer Erkenntnisse stattfand, die in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Barbarei verlorengegangen waren. In den 1950er Jahren vor allem wurde sie und ihr Mann Alexander Mitscherlich vom Aufbau eines psychoanalytischen Grundwissens in Anspruch genommen. Nach zahlreichen Diskussionen im In- und Ausland schrieben die beiden das eingangs bereits erwähnte Buch "Die Unfähigkeit zu trauern".

Sie schreibt vom Tode ihres Mannes im Jahre 1982 und lässt nicht unerwähnt, dass ihre gemeinsame, vor Jahrzehnten gestellte Diagnose einer Unfähigkeit zu trauern, an Aktualität nichts eingebüßt habe. Dennoch ist Mitscherlich davon überzeugt, dass sich mittlerweile viele Deutsche gegen eine Mentalität wehren, die blind und denkunfähig mache, die weder Freund noch Feind, Gegenwart oder Vergangenheit, realitätsgerecht wahrzunehmen vermag. Sie konstatiert, dass Vergessen und Verdrängen uns nicht befreie, auch keine Selbstgerechtigkeit im Umgang mit der Vergangenheitsbewältigung unserer Landsleute in den neuen Bundesländern. Sie gibt zu bedenken, dass wir dann, wenn wir Konflikte, die stets einen historischen Zusammenhang haben, in ihrer ganzen Kompliziertheit wahrzunehmen bereit seien, unser antiquiertes Denken aufgeben können und zu einem Neuanfang fähig sind. (vgl.: S. 39).

Die Autorin thematisiert u.a. die Medizin und den Antisemitismus in der NS-Zeit und meint, dass dieses Thema es notwendig mache, erneut darüber nachzudenken, ob und weshalb Ärzte im Nationalsozialismus und dessen Rassenwahn in besonders hoher Zahl verfielen. Dabei stellt sie fest, dass es Ärzten sicher nicht leicht fiel, nach einem totalen Krieg sich Scham und Schuld, dem Versagen oder der Pervertierung des eigenen Gewissens zu stellen und seiner Identifikation mit dem barbarischen System innezuwerden, ohne in Apathie oder Melancholie zu verfallen, (vgl.: S.50).

Mitscherlich schreibt von dem Zusammenhang zwischen dem autoritären Charakter der Deutschen und der Entwicklung zum Antisemitismus. Hier nämlich besteht ein enger Zusammenhang. Sie schreibt auch vom besessenen Forschungswahn von Ärzten, mit dem sie ihr narzisstisches Ich-Ideal befriedigten, das sie weit mehr beherrschte als die Fähigkeit, den Anderen als Objekt mitmenschlichen Mitleids zu sehen und sich in ihn einzufühlen, (vgl.:S. 58). Sie resümiert in dieser Beziehung, dass in der autoritätsgläubigen deutschen Gesellschaft mit ihrem Gehorsamsideal Erniedrigung an der Tagesordnung gewesen und Auflehnung undenkbar gewesen sei. Je stärker der Zwang zum Gehorsam, desto heftiger allerdings sei die untergründige Aggression, die jedoch aus Strafangst mithilfe der Idealisierung der Autorität abgewehrt werde, (vgl.S.6o).

Mitscherlich unterstreicht, dass der Jude in der NS-Zeit endgültig als Hauptfeind der germanischen Rasse ausgemacht worden sei. Den Mut zu haben, ihn zu vernichten, war die "höchste Tugend" und "deutsche Pflicht". Die Psychoanalytikerin mahnt an uns an, uns mit unserer Gefühlswelt so aufrichtig wie möglich auseinanderzusetzen und auf diese Weise die starre Neigung zur Vorurteilsbildung und den damit verbundenen Wiederholungszwang zu durchbrechen, (vgl.: S.61).

Die Autorin thematisiert in der Folge weitere Arbeitsfelder ihres Lebens als Psychoanalytikerin, schreibt über die androgyne und gynandrine Entwicklung der Geschlechter, von denen sie hofft, dass diese ihnen eine geschwisterliche Beziehung ermöglicht, ohne dabei asexuell zu sein.

Mitscherlich schreibt auch über ihre Auffassung Sexualität in der Psychotherapie und denkt über männliche und weibliche Werte nach. Sie geht davon aus, dass Verhaltensweisen, die bislang nur Männern erlaubt waren, wie etwa Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Freude am Erfolg, Erotik der Macht, von Frauen übernommen, das Leben beider Geschlechter verändern und die Gesellschaft kreativ beeinflussen können und sie von einer erstarrten weiblichen oder männlichen Identität befreien vermögen, (vgl.: S.139).

Zum Thema Emanzipation stellt Mitscherlich auch viele Überlegungen an. Hier warnt sie vor neuen Zwängen, die entstehen können und gibt zu bedenken, dass auch kindliche Egoismen und unaufgelöste Trotzverhältnisse dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung zu Grunde liegen können. Angst vor Emanzipation ist immer Angst vor eigenständigem Denken. Sich über den Nutzen und den Nachteil der Idealisierung, wie auch der Emanzipation oder der psychoanalytischen Identität Gedanken zu machen, bedinge, sich dessen bewusst zu sein, dass es sich um ein weites, von vielen Dichtern, Denkern, Forschern kontrovers beackertes Feld handele, (vgl.: S.163).

Mitscherlich schreibt reflektiert in ihrem Buch auch das Phänomen des Friedens und gibt zu bedenken, dass die Eltern unendlich viel zum Frieden beitragen können. Sofern Eltern die Fähigkeit fördern, dass Kinder Distanz zu sich selbst gewinnen und den Standpunkt des anderen mit einbeziehen, verfallen Kinder nicht so rasch in Zustände der Aggression und Gewalt, (vgl.: S.175).

Die Autorin schreibt zum Schluss des Buches auch darüber, dass sich der Lebenssinn und das Lebenswerk im Laufe der Jahre verändern können, sich gegenseitig beeinflussen und von Zufall und Schicksal nicht verschont blieben. Am Beispiel ihres Lebens, über das sie in diesem Zusammenhang berichtet, wird das deutlich. Sie hält es für unsinnig, nach dem Sinn und Wert eines Lebens zu fragen und meint hingegen, dass ein zentrales menschliches Bedürfnis darin liege, uns selbst zu erkennen. Bewusst müsse uns werden, dass Einfühlungs- und Liebesfähigkeit davon abhängig sei, ob wir lernen, den anderen als anderen wahrzunehmen und das Eigene entsprechend zu achten oder ob wir gerade durch das andere des anderen neuen Sinn erkennen können, (vgl.: S.210).

Mitscherlichs Ziel bis zu ihrem Lebensende besteht darin, sich festliche Augenblicke zu verschaffen und nie zu vergessen, dass es solche Augenblicke immer wieder zu geben vermag und von ihr abhänge, ob sie verstehe, diese zu erkennen, diese zu erschaffen und zu genießen, (vgl.: S.239).

Im Anschluss an das lesenswerte Interview mit Alice Schwarzer fragt die Feministin die 93 jährige Margarete Mitscherlich:

"Wie machen wir es, Margarete- soll ich dir den Text zur Abstimmung schicken?"
Frau Mitscherlich antwortet:
"Du kannst ihn mailen. Ich maile ja auch immer mit meinen Enkeln."
Ein Buch, das ich sehr gerne weiterempfehle.

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Rezension:Heinrich von Kleist: Die Biographie (Gebundene Ausgabe)

War Kleist eventuell schwer traumatisiert durch seine Erlebnisse auf den Schlachtfeldern? Waren diese gar der Auslöser für seine Todessehnsucht?

Vor geraumer Zeit habe ich einen Film über Kleist gesehen, den ich allerdings noch nicht rezensiert habe. Dieser Film veranlasste mich nun endlich doch Günter Blambergers Biographie über diesen deutschen Dichter zu lesen. Die meisten von Kleists Werken kenne ich, zu einigen habe ich Rezensionen auf Amazon verfasst. Nicht wirklich bewusst war mir allerdings dessen extreme Todessehnsucht.

Im Gegensatz zum Film beginnt der Autor das Leben Kleists nicht vom Selbstmord her aufzurollen. Dies hat den Vorteil, dass man von der Kleist`schen Psyche nicht sofort geplättet wird und das Buch auch nicht sogleich zur Seite legt, weil man das Depressive aus Furcht vor Ansteckung scheut.


Ausführlich lernt man das Leben und Wirken des in Frankfurt an der Oder geborenen Schriftstellers Heinrich von Kleist (1877-1811) kennen, liest von seiner Herkunft- er war der Sohn eines preußischen Hauptmanns, und gehörte einem pommerschen Adelsgeschlecht an. Schwermut scheint in der Familie genetisch bedingt gewesen zu sein, denn auch sein Vetter beging Selbstmord. Mit diesem Vetter wurde er als Knabe gemeinsam unterrichtet.


Über seine Militärlaufbahn liest man. Am 1. Juni 1792 rückte er als Gefreiter des Potsdamer Garderegiments Nr. 15 ein und nahm am Rheinfeldzug teil. Er quittierte den Dienst, studierte Jura und brach ab. Man wird über seine sogenannte Kantkrise informiert, die dazu führte, dass sein rationalistisches Weltbild zerbrach und liest auch von der dann folgenden Hinwendung zum Subjektivismus und Irrationalismus, die sich darin äußerte, dass Kleist sich von der Wissenschaft ab- und der Dichtung zuwandte.


Die einzelnen Stationen von Kleists Leben leuchtet Blamberger facettenreich aus und man hat Gelegenheit viel Wissenswertes über seine Werke in Erfahrung zu bringen.


Ob der melancholische Kleist, der sein Leben lang mit dem Todesgedanken spielte, sein Leben im Schreiben tatsächlich verfehlt glaubte, sei dahin gestellt. Vielleicht ging es ihm bei seinem Selbstmordprojekt tatsächlich ab einem gewissen Zeitpunkt um seinen Nachruhm, wobei ich aber fast meine, dass seine Eindrücke auf den Schlachtfeldern seine Todessehnsüchte hervorgerufen haben. Vermutlich war der sensible Kleist sein Leben lang schwer traumatisiert. Eine Therapie hätte ihm gut getan. Sie hätte seine Lebensumstände sicher positiv verändert.


Ein Buch, das sich zu lesen lohnt.

Empfehlenswert.

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Rezensionen:Luise Rinser: Ein Leben in Widersprüchen (Gebundene Ausgabe)

Jose Sanchez de Murillo hat eine bemerkenswerte Biographie über die deutsche Schriftstellerin Luise Rinser (1910- 2002) geschrieben. Die Lebensbeschreibung untergliedert er in fünf Kapitel. Diese lauten:
-Kindheit und Jugend in den Zeiten des Umbruchs. 1910-10029

-Im Chaos der Nazizeit. 1930-1945

-Literarischer Durchbruch im zerstörten Deutschland. 1945-1948

-Die Pein der Heimatlosigkeit. 1959-1995

-Rückzug ins Schweigen. 1995-2002

Rinser spielte über ein halbes Jahrhundert als Integrationsfigur und moralische Instanz eine wichtige Rolle in der deutschen Gesellschaft, lässt uns der Autor dieses Buches wissen und begründet diese Aussage durch seine Biographie auch glaubhaft. Zudem macht er neugierig auf die Werke dieser Autorin, die für Menschen meiner Generation in den 1970ern und 1980ern geradezu ein Lesemuss waren.

Die einzelnen Stationen ihres Lebens werden detailliert beschrieben, müßig sie hier nachzuerzählen. Wichtig erscheint mir an dieser Stelle Ihre Verhaftung im Oktober 1944 seitens der Nazis zu erwähnen. Sie wurde aufgrund so genannter "Wehrkraftzersetzung" denunziert und schildert ihre Eindrücke in ihrem "Gefängnistagebuch" von 1946. Meines Erachtens ist diese Zeit das Schlüsselerlebnis für ihr weiteres Leben, Schreiben und politisches Engagement.

Man liest von ihren Kontakten zu anderen Schriftstellern wie Hermann Hesse und Ernst Jünger, ihren Ehen, ihren Kindern und ihren Freundschaften, so nicht zuletzt mit dem Philosophen Jose Sanches de Murillo, dem Autor der Biographie, der aufgrund seiner Nähe zu dieser Schriftstellerin viel Erhellendes den Lesern offenbart, dass die Widersprüche im Leben Rinsers begreifbar macht.

Der Autor geht auf viele ihrer Werke ein, auch auf ihr politisches und humanitäres Engagement bis zu ihrem Lebensende und ihre Auseinandersetzung mit religiösen Fragen, aber auch die widersprüchlichen Seiten Rinsers bleiben nicht ausgespart, wie ich bereits erwähnte. Doch lesen Sie bitte selbst und bilden sich auf diese Weise eine Meinung, besonders wie man ihre Haltung während der NS-Zeit vor ihrer Inhaftierung zu werten hat. Diesbezüglich möchte ich nicht vorweggreifen.

Empfehlenswert.

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Rezension: Papierküsse: Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43 (Gebundene Ausgabe)

 Dieses Buch enthält 24 Briefe und zwei Postkarten sowie die Biografie des ungarischen Architekten jüdischer Herkunft, Pali Meller (18.6.1902- 31.3.1943). Die Briefe schrieb Meller aus seiner dreizehn Monate andauernden Gefangenschaft im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Dort hatten ihn die Nazis wegen eines gefälschten Herkunftsnachweises und wegen sogenannter "Rassenschande" inhaftiert. Insgesamt wurden mehr als 2000 jüdische und nichtjüdische Männer wegen sogenannter "Rassenschande" verurteilt. Das Strafmaß betrug zumeist zwischen einem Jahr Gefängnis und acht Jahren Zuchthaus. Dabei wurden jüdische wurden härter als deutsche Delinquenten bestraft. In einigen Fällen wurde auch eine Höchststrafe von bis zu 15 Jahren, Entmannung und sogar die Todesstrafe verhängt, (vgl.: S. 121).


Der hochgebildete, sehr liebevolle Vater zweier Kinder, des 11 jährigen Sohnes Paul und der 7 jährigen Tochter Barbara, die aus der Ehe mit seiner früh verstorbenen holländischen Ehefrau Petronella stammten, die katholisch war, wie auch die beiden Kinder, war von bürgerlicher Herkunft. Sein Vater war übrigens Zahnarzt.


Pali studierte in Wien, Stuttgart, Karlsruhe und Rom und wurde ein angesehener Architekt, der vor seiner Verhaftung bei Otto Barning in Berlin tätig war. Dorothea Zwirner berichtet in ihrer 29 Seiten umfassenden biographischen Skizze sehr einfühlsam vom große Bemühen dieses Vaters seine Kinder vor den Nazis zu schützen, indem er verheimlichte, dass er jüdischer Herkunft war. Schlussendlich wurde er, wie so viele Juden in Deutschland in jenen schlimmen Zeiten, denunziert und geriet in die Justizmühle des braunen Packs. Seine Haushälterin Franziska Schmitt nahm sich der Kinder an, währenddessen Pali aus der Haft heraus nur noch brieflich mit Paul und Barbara kommunizieren konnte.


In diesen Briefen offenbart er sich als liebevoller Vater, der mit viel Wärme und aufmunternden Worte seinen beiden Kindern Zuspruch schenkt. Beim Lesen und Schreiben motiviert er Paul und Babara subtil stets besser zu werden. Er tadelt sie an keiner Stelle, ermahnt sie nur ab und an leise, beispielsweise im Hinblick auf die korrekte Schreibweise von Worten etc., verpackt solche Mahnung aber stets mit Lob. Dieser überaus nachdenkliche Vater, der selbst in seinen dunkelsten Stunden sein positives Wesen nicht verliert, transportiert in den Briefen an seinen Kindern unendlich viel Liebe und Zuversicht. Diese Briefe berühren das Herz eines jeden Lesers.


Pali Meller zählt zu den rund 20 000 Justizgefangenen, die durch Mangelernährung, Vernachlässigung und Zwangsarbeit in der Nazizeit ums Leben gekommen sind. Er starb an Lungentuberkulose in der Haftanstalt Brandenburg-Görden im Alter von 41 Jahren. Ein Opfer der Nazis, denen das Wort Toleranz fremd war.


Liest man die Briefe dieses Mannes an seine Kinder, macht sich Empörung breit und man möchte laut aufschreien bei dem Gedanken an das, wozu die größenwahnsinnigen Nazis imstande waren.

Es ist wichtig immer wieder an die Menschenrechte und an Toleranz zu erinnern und Terror, wo auch immer er auf dieser Welt sich gerade zuzammenbraut, den Boden zu entziehen. Es ist wichtig sich mit dem Begriff Verantwortung jeden Tag erneut auseinanderzusetzen. Pali Meller besaß viel Verantwortung. Ihm und seiner Familie wurde großes Unrecht angetan.

Sehr empfehlenswert. Sollte zur Pflichtlektüre in Schulen werden.

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Rezension: Elizabeth II. - Ein Leben auf dem Thron. Ihr Erinnerungsalbum (Gebundene Ausgabe)

Mit diesem Erinnerungsfotoalbum möchte "The Royal Collection" das diamantene Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. von England, der höchsten Repräsentantin Großbritanniens, würdigen.

Das Buch wird Fans der englischen Krone gewiss entzücken, denn es enthält eine Vielzahl von offiziellen aber auch privaten Fotos der Queen und zwar von ihrem Babyalter an bis zum heutigen Tage. Man lernt ihre Puppen kennen, auch Abbildungen von Originalbriefen, die sie als Kind und als Teenager schrieb und kann sich ihres Schmuckes und diverser Kleidern erfreuen, den sie zu bestimmten Anlässen getragen hat, denn dies alles ist abgebildet.


Die Fotos sind in chronologischer Reihenfolge abgelichtet und werden durch erklärende Texte ergänzt. Dass Elisabeth ein sehr hübsches Kind und ein ebenso hübsches junges Mädchen war, wird auf den Bildern deutlich. Sie war also eine Bilderbuchprinzessin. Das wird ihr von Kind an viel Neid eingebracht haben.

Man liest von ihrer Verlobung mit ihrem Cousin dritten Grades, Lieutenant Philip Mountbatten im Jahre 1947 und lernt ihren Verlobungsschmuck kennen, auch das Brautkleid und das Diamantdiadem ihrer Mutter, das sie anlässlich ihrer Hochzeit noch im gleichen Jahr trug.

Elisabeth mit liebevollem Blick auf ihren neugeborenen Sohn Prince Charles im Winter 1948 sowie diverse andere Familienbilder zeigen sie als eine gefühlvolle Frau, die später in den Hintergrund rückte, nachdem sie 1953 zur Königin von England gekrönt wurde. Jetzt musste sie vor allem Contenance wahren.

Über die Krönung erfährt man viel Wissenswertes. Man lernt die Insignien, die als "äußerer, sichtbarer Ausdruck der inneren geistigen Gnade" gelten, auf Fotos kennen und erlebt die Krönung, die damals geschätzte zwanzig Millionen Menschen im Fernsehen verfolgten.

Imposant sind die Bilder aus dem Jahre 1961. Damals stattete die Queen dem indischen Subkontinent ihren ersten Staatsbesuch ab. Abgelichtet ist sie auf dem Rücken eines prunkvoll geschmückten Elefanten.

Alle wichtigen Erlebnisse Elisabeths von 1926 bis zum Jahr 2012 werden visualisiert. Für jedes Jahr steht ein Blatt des Albums zur Verfügung.

Zurückhaltung ist erkennbar, wenn es um gemeinsame Fotos mit ihrer Schwiegertochter Diana geht. In gewisser Weise ist das verständlich.

Für Handtaschenfans ist das Buch eine wahre Fundgrube, denn Elisabeth wartet stets mit ausgesucht geschmackvollen Objekten auf.

Das Buch ist gelungen, denn die Texte sind keineswegs überzogen huldigend ausgefallen, aber sie zeugen von großem Respekt für diese Frau, die es im Leben gewiss nicht einfach hatte. Man soll sich vom Pomp nicht blenden lassen und sich klar machen, dass dort wo viel Licht erstrahlt, bekanntermaßen auch der Schatten kein geringer ist. Die Sentenz der Queen, die ich in die Kopfzeile gesetzt habe, spricht diesbezüglich Bände.

Bedenkt man, dass diese Frau, die am 21.4.2012 sechundachtzig alt wird, noch immer als oberste Repräsentantin Großbritanniens weltweit tätig ist und sich bemüht, stets diszipliniert die Contenance zu wahren, obschon eine Meute von neidischen Schreiberlingen ihr pausenlos Fehler nachweisen möchte und sie Verletzungen nicht zeigen darf, um die Würde des Königshauses zu wahren, dann ahnt man die Demut dieser Frau und ihre innere Größe.

Man sollte ihr mit etwas Nachsicht begegnen, denn sie ist ein Mensch, die ihren Job wirklich gut macht.

Empfehlenswert.

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Rezension:Der Fall Selpin: Die Chronik einer Denunziation (Gebundene Ausgabe)

Vor einigen Tagen habe ich mich auf dieser Plattform zum Tun von Denunzianten in Bezug auf Sophie Scholl geäußert. In diesem Zusammenhang las ich in der Folge Friedemann Beyers vorliegendes Buch "Der Fall Selpin"- Chronik einer Denunziation.

Zu Ende des Buches findet man folgende Gedanken, die ich für so wichtig erachte, dass ich sie an dieser Stelle zitieren möchte: "Die Neigung zur Denunziation findet sich überall dort, wo es im menschlichen Zusammenleben um Macht geht. Dabei verdrängen wir, wie dünn der Firnis unseres zivilisierten Verhaltens ist. Wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen."(....)"Wie gehen wir miteinander um? Wie tragfähig sind Beziehungen? Wem können wir (ver)trauen? Wie fair bleiben Menschen auch dann noch, wenn aus Zuneigung Hass wird? Diese Fragen stellen sich, in wechselnden Zusammenhängen und unabhängig von politischen Rahmenbedingungen, täglich neu." (Zitat S. 210)

Dieser Schlussbetrachung Friedemann Beyers, dem ehemaligen Filmjournalisten und Fernsehredakteur und geschäftsführenden Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung stimme ich hundertprozentig zu. Über seine gestellten Fragen sollte man lange nachdenken und in Gesprächsrunden nach Antworten suchen.

Das Buch thematisiert das Leben des erfolgreichen Regisseurs Herbert Selpin, der aufgrund der Denunziation durch seinen Freund ins Mahlwerk der Nazibürokratie geriet, weil er so genannte "wehrkraftzersetzende Äußerungen" gemacht hatte. Bis heute ist unklar, ob Selpin sich aus Verzweiflung in seiner Zelle selbst erhängte oder ob Nazischergen ihn auf diese Weise hinterhältig ermordet haben.

Der Autor möchte mit seinem Buch historische Wahrheitsfindung betreiben. Was ihm gelingt, ist eine sehr gute Darstellung der Funktionsweise der Filmwelt in der braunen Zeit und eine Verdeutlichung dessen, dass Menschen in allen Zeiten stets analog handeln, wenn es um ihre Abgründe geht.

Die Kontrahenten in diesem Denunziationsdrama beschreibt der Autor wie folgt:

Selpin war ein Teamspieler von athletischem Körperbau, körperlich und mental durchtrainiert, impulsiv, emotional, angriffslustig, reaktionsschnell, risikofreudig, konfliktfähig, omipräsent (vgl.: S. 202).

Der Denunziant Walter Zerlett-Offenius hingegen war ein Mann von fragiler Gestalt, der unter psychosomatischen Beschwerden litt. Er war rachitisch veranlagt und Neurastheniker, ein Asket mit labilem Charakter, prinzipientreu bis zum Starrsinn, ein Pedant mit narzisstischem Ego, der sich dandyhaft stilisierte und an den selbst gesetzten oder an ihn herangetragenen Erwartungen nicht gerecht wurde, (vgl.: S.202).

Wie konnten Menschen, die so unterschiedlich waren, zunächst Freunde werden? Wie reagieren solche Freunde im Konfliktfall? Werden aus schwachen Menschen vom Schlage Zerletts leichter Denunzianten, weil sie sich letztlich immer an den Stärkeren hinterhältig aus Neid rächen möchten? Das sind Fragen, die mich seit der Lektüre des Buches umtreiben. Wie behutsam müssen wir mit schwachen Menschen umgehen? Wie schnell sind sie verletzt? Sind ihnen alle hinterhältigen Mittel recht, wenn sie sich rächen wollen?

Empfehlenswert.

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Rezension: Charles Schumann: Hommage an eine Kultfigur (Gebundene Ausgabe)

Charles Schumann, der legendäre Barmann aus München hat im September seinen 70. Geburtstag gefeiert. Dass er um viele Jahre jünger ausschaut, konnte ich mich auf der Buchmesse in Frankfurt überzeugen.

Das vorliegende Buch ist eine Hommage an ihn, zusammengestellt von Anna Wichmann und eingeleitet von Lothar Schirmer.Charles Schumann ist nicht nur Münchens Kultgastronom und legendärer Barkeeper, sondern auch internationales Fotomodell, leidenschaftlicher Boxer, Grantler, Frauenschwarm und Koch sehr delikater Bratkartoffeln.


 Modefoto Armani
Das vorliegende Buch enthält Texte und Geschichten über Schumann, verfasst von einigen seiner namhaften Gäste.

Dabei handelt es sich um: Elke Heidenreich, Michael Krüger, Hans Magnus Enzensberger, Keto Waberer, Georg Diez, Eckart Witzigmann, Stefan Gabanyi, Ulrich Wickert, Axel Hacke, Albert Ostermaier, Wolf Wondratschek, Chris Dercon, Albert Ostermair, Rita Russek, Joseph von Westphalen, Alois Martin, Jan Weiler, Claudius Seidl, Moritz von Uslar und Michael Althen.

Der Verlag Schirmer/ Moser hat dieses Buch nicht nur wegen des runden Geburtstags des Gastronoms herausgebracht, sondern auch wegen des 30 jährigen Bestehens seiner berühmten Bar "Schumann`s".

Das Buch ist übrigens reich bebildert. Man hat Gelegenheit einen sehr guten visuellen Eindruck von Schumann zu erhalten, einem sehr interessanten Mann, wie die Fotos unmissverständlich zu erkennen geben.

Die Illustrationen im Buch stammen von Dirk Schmidt.

 Portrait Charles Schumann
Photo: Guido Mangold
Auf Seite 30 übrigens verrät der Barkeeper das Rezept seines "Swimming Pol" an die Leser, die sich meines Erachtens den Cocktail mixen sollten, um diesen bei der Lektüre der kurzweiligen Geschichten vergnügt zu trinken.

Man lernt im Buch aufgrund der Geschichten viele Facetten Schumanns kennen. Ulrich Wickert berichtet von der Bescheidenheit Schumanns, der zwar fließend Französisch spricht und Frankreich liebt, sich dort aber nicht an mondänen Orten aufhält, obschon er dies könnte, sondern stattdessen in der Gegend zwischen Biarritz und Bordeaux seine zweite Heimat gefunden hat. Dort wo einst Michel de Montaigne geboren wurde. Schumann sei, so Wickert, ein Suchender noch immer, obwohl er schon viel für sich entdeckt habe, z.B. die innige Liebe zu Frankreich bereits in jungen Jahren.


 Im Hofgarten
(Photo privat)
Gefallen hat mir u.a. der Beitrag von Alois Martin. Dieser schreibt, dass das "Schumann`s" kein Restaurant sei, in dem Frauen angeflirtet werden, kein Ort wo der Barmann sich balzend zum Konkurrenten des männlichen Gastes machen muss. "Der Barmann in Schumann`s geht davon aus, dass eine Frau mit nachdenklichem Blick tatsächlich denkt und von ihrer Umgebung nichts anderes erwartet als ein gutes Getränk, einen ruhigen Platz und jene leichte Abendbrise, die nur eine Bar bieten kann."(Zitat: S.103).

Es macht Freude all die Geschichten zu lesen und sich ein Bild von diesem Mann und seiner Bar zu machen. Charles Schumann gefällt mir, weil er viele Talente besitzt und diese sehr gut zu vermarkten weiß.

Wer das Buch gelesen hat, weiß wen er bei einem kommenden Besuch in München besuchen muss.

Empfehlenswert.

Fotos: Schirmer-Mosel Pressebilder

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